Volltext : Deutsche Geschichte. Erster Band. (1)

976  25.  Die  Friedenszeit  und  die  Gegenreformatien  (1555—  1618).

Urkunden,  die  Abtretung  Karl  und  die  Annahme  der  KRaiferwürde
betreffend,  verlefen  waren,  zu  Frankfurt  a.  M.  die  Wahlfapitulation
als  gewählter  römischer  Kaifer  und  König.

Ferdinand  I,  obwohl  an  Fatholiicher  Gefinnung  nicht  Hinter
dem  älteren  Bruder  zurücditehend,  Hatte  doch  in  der  durchlebten
vielbewegten  Zeit  etwas  gelernt,  und  feine  Stellung  al3  römischer
König  neben  und  unter  feinem  Bruder  war  weniger  verwicelt  und
unbefangener  gewejen;  er  war  nüchterner  in  feinem  Denfen  und
weniger  von  univerjalen  al®  von  den  beichränften  Habsburgifchen
Gedanken  und  Yweden  geleitet,  und  er  hatte  in  der  osmanischen
Macht  vor  feinen  Toren,  wie  in  den  proteftantiichen  Sympathien
eines  großen  Teils  jeiner  Untertanen,  ja  jchon  in  feinem  eigenen
Haufe,  einen  ftetigen  Warner  und  Mahner  zur  Mäßigung.  Eine
vorfichtige  Volitik  empfahl  jchon  der  Bli  auf  die  Stärkeverhältniffe
der  beiden  Parteien  in  Deutichland.  Im  Kurfürftenfollegium  jaßen
neben  den  drei  geiftlichen  fatholiichen  drei  weltliche  proteftantifche
Kurfürften,  Sachjlen,  Brandenburg,  Pfalz;  auch  von  den  fürftlichen
Hänfern  war  die  Mehrzahl  proteftantiich:  das  herzogliche  Sachien,
zivei  von  den  vier  Linien,  in  die  fich  das  braumjchweigifche  Haus
geteilt  hatte,  ferner  die  Herzogtümer  Lauenburg,  Holftein,  Mecienburg,
  Bommern,  Breußen;  im  Weiten  war  außer  den  geiftlichen  Fürften
nur  da3  Herzogtum  Cleve  noch  Fatholiich,  im  Süden  Bayern  und
Öfterreich;  aber  alle  großen  Neichsftädte  und  das  Herzogtum  Württemberg
  waren  evangelifch:  und  auch  in  Bayern  und  Dfterreich  —  den
fünf  Herzogtümern,  welche  man  mit  dem  legtern  Namen  zufammenfaßte,
  Dber-  und  Niederöfterreich,  Steiermark,  Kärnten,  Rrain  —
mußte  man  dem  namentlich  unter  dem  Adel  und  felbft  der  Gerit-Iichfeit
  um  fich  greifenden  Brotejtantismus  Yugeftändniffe  machen.
‚serdinand,  deffen  Angelegenheiten  ım  Sahre  1556  in  Ungarn  wieder
übel  ftanden,  hatte  die  Hoffnung  auf  Wiedervereinigung  der  Barteien
  noch  nicht  völlig  aufgegeben.  Noch  einmal,  in  Worm3  im
September  1557,  wurde  ein  Religionsgeipräch  gehalten  und  eine
mäßige  Türfenhilfe  wurde  dem  König  und  Kaifer  auch)  vom  Reich
bewilligt,  nicht  aber,  wie  nötig  gewefen  wäre,  die  Bildung  einer