Full text : Die Jesuiten, deren Geschichte, Verfassung, Moral, Politik, Religion und Wissenschaft.

233

die  ganze  Maaßregel  wäre  so  verderblich  nicht  gewesen,  wenn  man  das  erlöste
Geld  zu  nützlichen  Unternehmungen  angelegt  hätte.  Doch  dies  geschah  nicht,
und  so  hatte  man  nur  schweren  Verlust  für  die  Zukunft  in  Ausficht.  Der
Urheber  der  Unternehmung  selbst  ward  des  Betruges  verdächtig  und  gefänglich
eingezogen,  seine  Einrichtung  aufgehoben  und  das  System  der  Erbpacht  beseitigt.
Daß  aber  durch  die  jetzt  nothwendigen  Entschädigungen  die  Verlegenheiten  des
Staatsschatzes  noch  peinlicher  wurden,  ist  leicht  zu  begreifen.  Da  kam  man  auf
den  Gedanken,  seine  Zuflucht  zu  geheimen  Künsten  zu  nehmen.  Wir  haben
gesehen,  daß  selbst  der  große  Kurfürst  von  solchen  Vorstellungen  nicht  frei  war.
In  ähnlicher  Weise  ließ  sich  Friedrich  1.  bewegen,  auf  die  Versprechungen  eines
fremden  Betrügers,  der  sich  Caetano,  Graf  Ruggieri  aus  Neapel  nannte,
einzugehen.  Natürlich  kam  der  Betrug  bald  an  das  Licht;  der  angebliche  Graf
ward  ins  Gefängniß  gesetzt,  entfloh  zu  wiederholten  Malen  und  ward  zuletzt
zum  Galgen  verdammt.

Trotz  dieser  vielfachen  nachtheiligen  Maaßregeln,  welche  nicht  der  Regierung
Friedrichs  I.  allein  vorgeworfen  werden  können,  sondern  in  den  meisten  andern
europäischen  Staaten  auf  ähnliche  Weise  unserm  Blick  entgegentreten,  war  der
Zustand  des  Landes  im  Allgemeinen  so  unbefriedigend  nicht.  Die  Einwohnerzahl
  stieg;  selbst  in  der  Provinz  Preußen,  wo  die  Pest  eine  Zeit  lang  verheerend
gehaust  hatte,  war  bald  keine  Abnahme  derselben  zu  bemerken,  und  nach  und
nach  entwickelte  sich  fast  überall  mit  ziemlicher  Lebhaftigkeit  Handel  und  Gewerbe.
Selbst  der  verhältnißmäßig  zu  große  Lurus  des  Fürsten  war  in  dieser  Beziehung
nicht  ohne  wohlthätige  Folgen.  Auch  muß  anerkannt  werden,  daß  die  Regierung
ihrerseits  recht  viel  zur  Steigerung  inländischer  Betriebsamkeit  that.  Unter
andern  wurden  die  Salzsiedereien  bei  Halle,  welche  während  des  dreißigjährigen
Krieges  gänzlich  in  Verfall  gerathen  waren,  durch  eine  wohlfeilere  Art  des
Siedens  weit  einträglicher  gemacht.  Die  zu  Neustadt  an  der  Dosse  1692  angelegte
  Spiegelhütte  lieferte  nebst  andern  Glashüttten  so  viel  Spiegel  und  Glas,
daß  1696  allen  ausländischen  Glaswaaren  der  Eingang  in  das  Land  versagt
werden  konnte.  Besonders  aber  hob  sich  die  Tuchfabrikation;  denn  die  blauen
Tücher  für  die  Monturen  wurden  seit  1693  nur  inländischen  Fabriken  abgenommen;
ja  im  Jahre  1700  erschien  die  patriotische  Verordnung,  daß  zur  Bekleidung
der  Leibgarde  und  zur  Hoftrauer  nur  inländische  Tuche  und  Zeuge  genommen
werden  sollten.  Im  Jahre  1695  hören  wir  auch  von  der  Errichtung  einer
Gold=  und  Silbermanufactur  in  Berlin.  Nicht  minder  suchte  man  die  Betriebsamkeit
  von  drückenden  Fesseln,  welche  ihr  bisher  noch  aus  dunkleren  Zeiten
stammende  Vorurtheile  auferlegt  hatten,  zu  befreien.  Kinder  der  Vögte,  Schäfer,
Stadtdiener  und  Wächter  durften  noch  immer  nicht  in  die  Zünfte  und  Handwerksinnungen
  aufgenommen  werden,  da  sie  für  unehrlich  galten.  Dieses
Hinderniß  wurde  durch  eine  Verordnung  vom  Jahre  1704  aufgehoben.

Friedrich  I.  sorgte  auch  für  Colonisation  des  Landes  und  für  den  Ausbau
der  Städte.  Seinem  menschenfreundlichen  Sinn  gemäß  nahm  er  die  vertriebenen

2