Windthorsts Ausgang
Das jähe Verschwinden des ‚Eisernen Kanzlers‘ von der
politischen Bildfläche, vollends in der gegebenen Lage, unter
so kritischen Umständen, schnellte seinen parlamentarischen
Widerpart zu einer Höhe empor, wie er sie sonst sicherlich nicht
erreicht hätte. Indem er ihn in seiner politischen Machtstellung
überdauerte, gewann es den Anschein, als hätte die unverwüstliche
kleine hannöverische Exzellenz den deuschen Recken in den
Staub gestreckt. Mit Windthorsts Ansehen als Politiker konnte
sich fortab keiner weder im Parlamente noch in der Regierung,
auch nur von ferne messen, am allerwenigsten der General-Reichskanzler,
der seiner Unterstützung nicht entraten konnte.
Im Reichstage selbst hatte er eine so hervorragende Stellung
gewonnen, daß der Präsident ihm am 17. Januar 1890 zu seinem
80. Geburtstage in öffentlicher Sitzung unter allseitigem Beifall
den Glückwunsch des Reichstages aussprach, eine Aufmerksamkeit,
die letzterer fünf Jahre später seinem Schöpfer an dessen
80. Geburtstage verweigern wird.
Im Vordergrunde stand die sozialpolitische oder Arbeiterfrage.
Mit Hinweis auf diese gelang es dem Unermüdlichen, mit
Hilfe des „Katholikentages‘‘ im Mai 1890, die Grundlage zur Erweiterung
des ‚katholischen Volksvereins“ über ganz Deutschland‘
zu legen. Abermals eine echt jesuitische Schöpfung, wie
sie im Bairischen schon Anfang der siebziger Jahre angesponnen
worden war. Das Bindemittel war, wie schon die Überschrift,
für das „katholische‘‘ Deutschland, besagte, die römisch-katholische
Konfessionalität. Trotzdem sollte derselbe keine kirchliche,
sondern eine rein „politische‘‘ Organisation darstellen. Um das
priesterliche Regiment, dem er sein Dasein verdankte, zu verdecken
und ihn als eine Laienorganisatıon erscheinen zu lassen, befand
sich im Vorstande kein einziger Kleriker. Wie fest dabei die rö-