Pliilologen: Böcku, BEKKER. 857
In unermüdlicher, fruchtbarer Arbeit hat J. Bexker (geb. 21. Mai
1785 zu Berlin, gest. 7. Juni 1871) neben Böckn gestanden!. Er
ist der balınlrechende Meister der Edition gewesen. Mit homerischen
Studien hat er begonnen (1806), und sie beschäftigten ilın
auch nach der epochemachenden Ausgabe, die er veranstaltet hat,
bis in die letzten Monate seines Lebens (Monatsberichte 1871 S.75
zum 20. Februar). Aber dazwischen liegt eine Bibliothek von kritischen
Editionen, wie sie so umfassend kein Philolog vor und nach
ihm je veröffentlicht hat. Doch nicht nur auf griechische Autoren
erstreckte sich seine Arbeit, auch den Livius und Taecitus hat er
herausgegeben, dazu eine grosse Reihe bisher unellirter provencalischer,
altfranzösischer, altitalienischer und neugriechischer Werke”.
In den neueren Sprachen und Litteraturen war er ebenso zu
Hause wie in der griechischen und wusste seine Kenntniss mittelalterlicher
epischer Gedichte auch für Homer fruchtbar zu machen.
Fast überall ging er an die Handschriften selbst heran und wollte
es am liebsten nur mit ihnen zu thun haben. »Er war der Erste,
der in umfassender Weise correete griechische Texte auf diplomatischer
Grundlage hergestellt hat: von den Schriftstellern, die er
licherer Gelehrter als Niırseur, ein llistoriker — was die sächsischen Philologen
zu sein verschmähten —, überliess er Rom den Juristen und Staatsmännern, die
Urzeiten romantischen Theoretikern. Seine eigene Neigung ging auf die denkbar
schwierigsten Facta und die sichersten Beweise. Gleich Niervnr war er der Überzeugung,
dass das Alterthum über und über init Irrtlium bedeckt sei, der wie versengtes
Pergament zusammenschrumpfen werde, und dass verborgene Wahrheit an’s Licht
gebracht werden könne. Statt des unübertragbaren divinatorischen Genies jedoch
sing er mit einem neuen Werkzeug an die Arbeit und setzte besseres Beweismaterial
an die Stelle blendender Muthmaassungen — die Inschriften. Böckn bewies, dass
sieh ein Werkzeug der Entdeckung aus ihnen machen lasse, so leistungsfähig wie
der kühnste Scharfsinn; in seinen festen und ausdauernden Händen wurde es zum
Eckstein des Gebäudes. Er zeigte, wie sich geschichtliche Wahrheit noch über
Thukydides hinaus erreichen lässt, und er war zugleich ein hohes Muster des Ilistorikers,
der sich selber aus dein Spiele lässt und, persönliche Ansichten unterdrückend,
nur ausspricht, was gewiss ist. Nachdem ich ihn über alte Philosophie hatte vortragen
hören, fragte ich ihn, wie es doch komme, dass seine Vorlesungen interessanter
seien als seine Bücher. Böcku erwiderte freundlich: » Weil ich dein Publieum
nur die Resultate meiner Vorlesungen vorlege, die ideale Anschauung für die Studenten
zurückbehalte«. Die "Staatshaushaltung der Athener” ist vielleicht das einzige
vor der kritischen Epoche erschienene Geschichtswerk, das noch jetzt besteht,
unerschüttert und aufrecht«.
I Vergl. Sauppr, Zur Erinnerung an MeEıneke und Berker, Göttingen 1872;
E. J. Besser, »Zur Erinnerung an meinen Vater«, in den Preussischen Jahrbüchern
Bd.29 S.553fl.; Hars, in der Allgemeinen Deutschen Biographie Bd.2 S. 300 fl.
? Unter seinen zwölf akademischen Abhandlungen beziehen sich acht auf die
altfranzösische bez. provengalische Litteratur.