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Reserven nach der Grenze abrückten, mußten die eingezogenen Leute oft auf den überflillten Bahnen hin und her
fahren, ehe sie hier ihre Ausrülstung erhielten und dort an die ihnen zugeteilte Stelle kamen. Die Verpflegung
war mangelhaft vorgesehen; vielfach fehlte sofort das Nötigste. Bald schlugen der obersten Verwaltung in Paris
die Wogen so über dem Kopf zusammen, daß sie sich keinen Rat wußte. Die Unklarheit, die Uber den Aufmarsch
herrschte, jagte ganze Regimenter hin und her; die Overleitung wußte schließlich kaum, wo sie herumirrten. Als
der Kampf begann, war die Mobilmachung noch lange nicht fertig, und schon deswegen herrschte unter den Soldaten
nicht der beste Geist.
Wie anders ging es in Deutschland! Hier war für alles, das Größte und das Kleinste, vollkommen vorgesorgt.
Jedes Stück lag bereit, der Mann empfing Sachen und Wassen und war kriegsfertig. Der vom Generalstab
entworfene Plan regelte genau den riesigen Eisenbahntransport, die Truppen brauchten nur die Züge zu besteigen.
Und wie freudig schieden sie von der Heimat! Auch wer Weib und Kind zurückließ, ging beglückten
Herzens, zog er doch der höchsten Mannesehre entgegen, und viele Frauen dachten wie die alten Spartanerinnen.
Scherze, in denen sich die gute Laune kaum erschöpfen konnte, und frohe Lieder verkürzten die langwierige Fahrt;
unterwegs, auf den Bahnhöfen, labte reichlich dargebotene Erquickung und erhob der rauschende Zuruf der zur Begrüßung
Herbeiströmenden den Kriegerstolz.
Frankreich vermochte weit weniger Truppen ins Feld zu stellen als Deutschland, im ganzen etwa 350,000
Mann. Weil sich die Bemittelten von der Dienstpflicht loskauften, gehörten die Soldaten meist den untersten
Volksklassen an und konnten dennoch zu Offiziersstellen vorrücken. Unter den deutschen Gemeinen befanden sich Angehörige
aller Stände; die Offiziere der Linie und der Reserve stammten nur aus den gebildeten Kreisen. Nichts hat
die Franzosen so in Verwunderung gesetzt, als die Beobachtung, wie viele Deutsche Französisch sprechen konnten,
wie sich für jede Thätigkeit sofort kundige Leute fanden, selbst
für Telegraphieren und Lokomotivführung. „Die Deutschen können
alles“, hieß es bei ihnen bald. Daher hatte auch das franzöfische
untere und obere Offizierkorps minderen Wert; weniger
Wissen, weniger Opferlust, dofür mehr Strebertum und neidischer
Eigennutz. Außerordentlich groß war die geographische Unkenntnis
selbst im eigenen Lande. Ganze Pakete von Karten wurden
unter die Offiziere verteilt, aber nur für den Rhein und Deutschland;
für die zu Frankreich gehörigen Grenzgebiete hatten sie keine. Wozu auch,
da sie doch sicherlich den Krieg jenseits der Grenze führten!
Die französischen Regimenter marschierten langsam und unordentlich;
die schnelle Beweglichkeit der Preußen, ihre Marschdisziplin hatte
schon gegen Psterreich Wunder gethan. Dafür verlieh den Franzosen
die bessere Infanteriebewaffnung einen großen Vorteil. Das Chassepotgewehr
feuerte schneller als das Zündnadelgewehr, war treffsicherer und
trug bis zu 1500 Schritt, während dieses nur bis zu 500 Schritt wirksam
war. Die bronzenen gezogenen Vorderlader konnten sich zwar mit
den Kruppschen Kanonen nicht messen, weder an Tragweite, noch an
sicherer Zündung der Granaten, aber sie waren immerhin ein tüchtiges
Geschütz und hatten brave Bedienung. Große Hoffnungen setzte Napoleon
auf die Mitrailleuse, die Kugelspritze, die aus aneinander geschmiedeten Läufen 25 und noch mehr fingerlange Geschofse
auf einmal ausspie. Ihr scharfer Ton knarrte deutlich aus dem dröhnenden Geschützfeuer heraus und machte
anfangs Unbehagen. Bald genug erwiesen sie sich nur im engen Gefecht, namentlich zur Verteidigung von Hohlwegen
und Brücken recht brauchbar, weil sich die Ladung nicht genug zerstreute. Vortrefflich war die Kavallerie,
Ein Resero#mann.