Full text : Der Krieg gegen Frankreich und die Einigung Deutschlands.

20  —

Reserven  nach  der  Grenze  abrückten,  mußten  die  eingezogenen  Leute  oft  auf  den  überflillten  Bahnen  hin  und  her
fahren,  ehe  sie  hier  ihre  Ausrülstung  erhielten  und  dort  an  die  ihnen  zugeteilte  Stelle  kamen.  Die  Verpflegung
war  mangelhaft  vorgesehen;  vielfach  fehlte  sofort  das  Nötigste.  Bald  schlugen  der  obersten  Verwaltung  in  Paris
die  Wogen  so  über  dem  Kopf  zusammen,  daß  sie  sich  keinen  Rat  wußte.  Die  Unklarheit,  die  Uber  den  Aufmarsch
herrschte,  jagte  ganze  Regimenter  hin  und  her;  die  Overleitung  wußte  schließlich  kaum,  wo  sie  herumirrten.  Als
der  Kampf  begann,  war  die  Mobilmachung  noch  lange  nicht  fertig,  und  schon  deswegen  herrschte  unter  den  Soldaten
  nicht  der  beste  Geist.

Wie  anders  ging  es  in  Deutschland!  Hier  war  für  alles,  das  Größte  und  das  Kleinste,  vollkommen  vorgesorgt.
  Jedes  Stück  lag  bereit,  der  Mann  empfing  Sachen  und  Wassen  und  war  kriegsfertig.  Der  vom  Generalstab
  entworfene  Plan  regelte  genau  den  riesigen  Eisenbahntransport,  die  Truppen  brauchten  nur  die  Züge  zu  besteigen.
  Und  wie  freudig  schieden  sie  von  der  Heimat!  Auch  wer  Weib  und  Kind  zurückließ,  ging  beglückten
Herzens,  zog  er  doch  der  höchsten  Mannesehre  entgegen,  und  viele  Frauen  dachten  wie  die  alten  Spartanerinnen.
Scherze,  in  denen  sich  die  gute  Laune  kaum  erschöpfen  konnte,  und  frohe  Lieder  verkürzten  die  langwierige  Fahrt;
unterwegs,  auf  den  Bahnhöfen,  labte  reichlich  dargebotene  Erquickung  und  erhob  der  rauschende  Zuruf  der  zur  Begrüßung
  Herbeiströmenden  den  Kriegerstolz.

Frankreich  vermochte  weit  weniger  Truppen  ins  Feld  zu  stellen  als  Deutschland,  im  ganzen  etwa  350,000
Mann.  Weil  sich  die  Bemittelten  von  der  Dienstpflicht  loskauften,  gehörten  die  Soldaten  meist  den  untersten
Volksklassen  an  und  konnten  dennoch  zu  Offiziersstellen  vorrücken.  Unter  den  deutschen  Gemeinen  befanden  sich  Angehörige
  aller  Stände;  die  Offiziere  der  Linie  und  der  Reserve  stammten  nur  aus  den  gebildeten  Kreisen.  Nichts  hat
die  Franzosen  so  in  Verwunderung  gesetzt,  als  die  Beobachtung,  wie  viele  Deutsche  Französisch  sprechen  konnten,
wie  sich  für  jede  Thätigkeit  sofort  kundige  Leute  fanden,  selbst
für  Telegraphieren  und  Lokomotivführung.  „Die  Deutschen  können
  alles“,  hieß  es  bei  ihnen  bald.  Daher  hatte  auch  das  franzöfische
  untere  und  obere  Offizierkorps  minderen  Wert;  weniger
Wissen,  weniger  Opferlust,  dofür  mehr  Strebertum  und  neidischer
Eigennutz.  Außerordentlich  groß  war  die  geographische  Unkenntnis
  selbst  im  eigenen  Lande.  Ganze  Pakete  von  Karten  wurden
unter  die  Offiziere  verteilt,  aber  nur  für  den  Rhein  und  Deutschland;
für  die  zu  Frankreich  gehörigen  Grenzgebiete  hatten  sie  keine.  Wozu  auch,
da  sie  doch  sicherlich  den  Krieg  jenseits  der  Grenze  führten!

Die  französischen  Regimenter  marschierten  langsam  und  unordentlich;
  die  schnelle  Beweglichkeit  der  Preußen,  ihre  Marschdisziplin  hatte
schon  gegen  Psterreich  Wunder  gethan.  Dafür  verlieh  den  Franzosen
die  bessere  Infanteriebewaffnung  einen  großen  Vorteil.  Das  Chassepotgewehr
  feuerte  schneller  als  das  Zündnadelgewehr,  war  treffsicherer  und
trug  bis  zu  1500  Schritt,  während  dieses  nur  bis  zu  500  Schritt  wirksam
  war.  Die  bronzenen  gezogenen  Vorderlader  konnten  sich  zwar  mit
den  Kruppschen  Kanonen  nicht  messen,  weder  an  Tragweite,  noch  an
sicherer  Zündung  der  Granaten,  aber  sie  waren  immerhin  ein  tüchtiges
Geschütz  und  hatten  brave  Bedienung.  Große  Hoffnungen  setzte  Napoleon
auf  die  Mitrailleuse,  die  Kugelspritze,  die  aus  aneinander  geschmiedeten  Läufen  25  und  noch  mehr  fingerlange  Geschofse
  auf  einmal  ausspie.  Ihr  scharfer  Ton  knarrte  deutlich  aus  dem  dröhnenden  Geschützfeuer  heraus  und  machte
anfangs  Unbehagen.  Bald  genug  erwiesen  sie  sich  nur  im  engen  Gefecht,  namentlich  zur  Verteidigung  von  Hohlwegen
  und  Brücken  recht  brauchbar,  weil  sich  die  Ladung  nicht  genug  zerstreute.  Vortrefflich  war  die  Kavallerie,

Ein  Resero#mann.