Full text: Archiv für öffentliches Recht.Vierter Band. (4)

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seiner Bekämpfung der organischen Theorie wieder der Vertrags- 
theorie, indem er den Vertrag zwar nicht als die einzige, aber 
als eine Entstehungsart des Staates bezeichnet 5), Nun ist es ja 
unzweifelhaft richtig, dass die Geschichte einzelne Fälle von 
Staatengründung durch Vertrag überliefert, z. B. jenes beliebte 
Schulparadigma des Staatsgrundvertrages, welchen die Pilgerväter 
an Bord der Mayflower schlossen. Jedoch beweisen solche Ein- 
zelfälle gar nichts für oder gegen eine allgemeine Staatstheorie. 
Denn „die Entstehung eines einzelnen Staates und die Entstehung 
des Staates überhaupt sind“, wie WAıTz treffend bemerkt, „zwei 
ganz verschiedene Dinge: das eine erklärt in keiner Weise das 
andere“ 16). Nachdem es einmal Staaten in der Welt gab, konnten 
und können neue Staaten sehr wohl durch Vertrag gegründet 
werden; aber die principielle Frage wäre, wie ist die Idee des 
Staates überhaupt in die Welt gekommen? Je nach der Beant- 
wortung dieser Frage wird man auch bei den nachweislich auf 
Vertrag beruhenden Staaten eventuell die eigentlich staatsbildende 
Kraft in etwas anderem als dem Vertrage sehen, welcher nur 
eine Aeusserung dieser Kraft ist. 
Die Bedeutung der organischen Staatsanschauung ist eine 
wesentlich negative. Nie verwirft den Gedanken, dass der 
Staat eine willkürliche Schöpfung des bewussten menschlichen 
Willens sei; aber auch gegenüber der Theorie von der göttlichen 
Einsetzung des Staates und verwandten Lehren verhält sie sich 
genau so wie die moderne Naturwissenschaft gegenüber den 
Glaubenssätzen der Religion. Ohne sie zu bestreiten hält sie die 
Berufung auf göttlichen Rathschluss jedenfalls nicht für eine 
positiv wissenschaftliche Erklärung, und zieht daher statt dieser 
Berufung das Geständniss vor, dass zur Zeit wenigstens die 
Staatswissenschaft die erste Entstehung der Staatsidee nicht zu 
8) v. KRIEKEN a. a. O. S. 147. 
16) Wartz, Grundzüge der Politik S. 5: vgl. auch v. HoLTZENDORFF, 
Handbuch des Völkerrechts Bd. II, S. 19.
	        
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