— 597 —
Die Gefängnisarbeit in Deutschland mit besonderer Berück-
sichtigung der Frauengefängnisse von Dr. Leonore Seutter (Verlag
von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen, 1912. Brosch. 6 M.).
Die Beschäftigung der Strafgefangenen gibt den Staatsverwaltungen
eine schwere Aufgabe zu lösen. Sie ist unerläßlich aus Gründen der An-
staltsdisziplin, des Strafvollzugs, der Humanität und der Wirtschaftlichkeit.
Ohne Beschäftigung der Sträflinge läßt sich keine Ordnung in den Straf-
anstalten denken, arbeitslose Gefangene gelangen zur Meuterei. Der orga-
nisierte Arbeitszwang bildet das Wesen der Freiheitsstrafe und macht die
Freiheitsentziehung erst richtig fühlbar; ohne Arbeit müßten die Häftlinge.
besonders bei langdauernder Freiheitsentziehung, verblöden oder wahnsinnig
werden; die Wirtschaftlichkeit jeder staatlichen Tätigkeit fordert, daß so
viele Tausende arbeitstüchtiger Menschen nicht ohne Gegenleistung auf
Staatskosten ernährt werden. Sobald aber irgendeine Staatsverwaltung eine
‚nutzbringende Arbeit in den Gefängnissen einzuführen sucht, die lohnender
und anregender als Dütenkleben und Kaffeesortieren ist, dann erheben sich
in der Oeffentlichkeit und in den Landtagen bewegliche Klagen über die
Schädigung des ansässigen Gewerbes und Handwerks.
Der wissenschaftlichen Untersuchung all dieser bedeutungsvollen Fragen
ist die Arbeit von Dr. LEONORE SEUTTER, die als VI. Ergänzungsheft zum
Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik erschienen ist, gewidmet.
Wie fast alle spezialwissenschaftlichen Arbeiten von Frauen zeichnet sich
auch dieses Werk durch eine peinliche Genauigkeit und eine staunenswerte
Ausdauer in der Verwertung von mehr als fünfzig zum Teil recht umfang-
reichen Zahlentabellen und des übrigen Tatsachenmaterials aus, es bleibt
aber nicht in statistischen Erörterungen stecken, sondern bringt auch wert-
volle geschichtliche, straf- und wirtschaftspolitische Ausführungen, die
manche Fragen auf diesem Gebiet in eine neue, interessante Beleuchtung
rücken.
Das Buch würdigt zunächst die Bedeutung der Gefängnisarbeit, die ein
wesentlicher Faktor im ganzen Strafvollzug, wenn nicht der wichtigste, ist.
In Anerkennung dieser Bedeutung sind auch die Anstaltsverwaltungen be-
strebt, möglichst alle Gefangenen zu beschäftigen; von 73198 am 1. De-
zember 1905 in Deutschland internierten Sträflingen waren nur 1,6%, aus
Mangel an Arbeit unbeschäftigt; die Eigenart der Gefängnisarbeit bringt
es dabei mit sich, daß nur die wenigsten Gefangenen mit der in der Frei-
heit erlernten oder betriebenen Arbeit beschäftigt werden können.
. Lehrreich für die Schwierigkeiten, die sich den Strafanstaltsverwaltungen
bei der Beschäftigungswahl entgegenstellen, sind die kritischen Betrach-
tungen über die verschiedenen im Gebrauch stehenden Systeme der Ge-
fangenenarbeit, weil hier die Gegensätze zwischen der freien Arbeit und der
Gefängnisarbeit am stärksten in dieErscheinung treten. Das Unternehmer-
system, das Kunden- oder Akkordsystem, der Regiebetrieb