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In Wirklichkeit liegen die Dinge gerade umgekehrt. Derjenige Staat,
in dem solche Aufteilungspläne zum Ersatz für Elsaß-Lothringen nicht
allein bei den Friedensverhandlungen von 1871 gehegt worden sind,
sondern dessen Minister auch noch in den folgenden Jahren dem Für—
sten Bismarck wiederholt eine derartige Kompensation in Belgien in—
sinuiert haben, der ist, wovon ich mich aktenmäßig überzeugen konnte,
Frankreich gewesen. Auch die dritte Republik also hat die historische
Nichtlinic der französischen Ausdehnungstendenzen keineswegs verlassen
10); nur Schwäche und Ssolierung haben ihr eine Weile Zurückhaltung
aufge zwungen. Von Zeit zu Zeit sind aber die alten Wünsche
immer wieder laut geworden, und es kommen hier nicht nur Außerungen
unverantwortlicher Schriftsteller und Politiker wie Victor Hugo, Girardin,
Lepelletier, Cassagnac, Jonct in Betracht, die ein Vorschieben
der Nordostgrenze bis zum Rhein, Angliederung mindestens des wallonischen
Belgien als Entschädigung für Elsaß-Lothringen gefordert
haben, sondern auch Generale und Kriegsminister wie Zurlinden (1887)
und Etienne (1900) haben sich unverblümt zu solchen Idealen bekannt.ui)
erbitterter Gegner Bismarcks, hat dem englischen Staatsmannc, der seine Zuverlässigkeit
selbst nicht besonders hoch ein schätzte (Memoirs II, 338), wiederholt allerhand
verbürgte oder unverbürgte Außerungen und Pläue Bismarcks aus dritter
oder vierter Hand mitgeteilt, um in landschädlichster Weise dadurch Gegenwirkungen
der britischen Regierung herbei zuführen. Jener angebliche belgische Aufteilungsplan,
für den ein Gewährsmann nicht genannt wird, steht in grellem
Widerspruch zu der im selben Atem dem Kanzler zugeschriebenen Absicht eines
Vernichtungskrieges gegen Frankreich. In der Tat hat ein derartiger Plan Bismarcks
und der deutschen Reichsregierung nie bestanden. Sicherlich war der
nervös überreizte Kanzler in den Schwierigkeiten des Kulturkampfes über die
Haltung von Klerus und Presse Belgiens höchst verstimmt, überdies persönlich
gereizt, weil dic belgische Regierung sich mangels gesetzlicher Handhabe sträubte,
gegen den Kesselschmied Duchesnc, der sich gegen Belohnung zur Ermordung
Bismarcks erboten hatte, vor zugehen. Da mag ihm, falls Geffckens gemeingefährliches
Geklatsch hier eine tatsächliche Grundlage haben sollte, wohl einmal
die grimmige Drohung entfahren sein, unter solchen Verhältnissen verliere
Deutschland das Interesse an der Erhaltung Belgiens.
10) Vgl. übrigens auch bei Josson a. a. O. S. 649 entsprechende Anregungen
von Thiers auf seiner curopäischen Rundreise 1870, auf die man noch 1877 in
Frankreich zurückkam, von de Broglic, franz. Gesandten in London im Juli
1871, des Figaro im September 1871 sowie die revolutionäre Aufreizung des
Journal du peuple francais gleich nach dem 1. September 1870 in belgisch Wallonien,
man solle auch dort den König wegjagen und sich Frankreich anschlicßen
(Josson 615).
11) Jür das einzelne vgl. Josson S. 650 ff.