Full text: Der Mündliche Vortrag. Zweiter Teil. Die richtige Betonung und die Rhythmik der deutschen Sprache. (2)

154 Der Beziehungston. 
Gehört das Verneinungswort zu einem Attribute, so ist 
dessen Verhältnis ein verschiedenes. Ist das Attribut ein Sub- 
stantiv, so hat es jedesmal den Accent. Steht dann das 
Verneinungswort vor dem Attribut, so bleibt es unter dem 
Grundtone. „Nicht der Menschen Wohl lag ihm am Herzen.“ 
Steht es von dem Attribut entfernt, so kann es mit betont 
werden. „Der Menschen Wohl lag ihm nicht am Herzen.“ 
Natürlich ist diese Betonung nur möglich, wenn die Beziehung 
„sondern nur sein eignes Wohl“ wirklich ausgesprochen wird 
oder angedeutet werden soll. 
Ist das Attribut ein Verbum, so ist der Beziehungston 
nicht notwendig. „Er besaß die Fähigkeit nicht zu schlafen. 
Karl hatte Aift nicht zu bezahlen. Fritz besaß die Fertigkeit 
nicht zu fallen.“ 
Ist das Attribut ein Adjektiv, so ist ebenfalls der Be- 
ziehungston nicht notwendig. „Karls nicht angenehmes Betragen 
erwarb ihm Feinde. Des Jägers nicht sicherer Schuß macht 
ihn unfähig.“ 
Ist das Attribut ein Adverb bei einem Verbum, so ist 
ebenfalls der Beziehungston nicht notwendig. „Karl schläft 
nicht gut, Fritz zeichnet nicht schlecht.“ In allen diesen Fällen 
steht dann das Verneinungswort unter dem Grundtone. 
Gehört das Verneinungswort zum Objekt, so wird dieses 
dadurch immer accentuiert, weil dann immer eine Beziehung da 
sein muß. „Karl hat den Hasen nicht geschossen“ bezieht 
sich auf die Vermutung oder Behauptung des Gegenteils. 
„Karl hat den Hasen nicht geschossen“ bezieht sich auf etwas 
anderes, was dieser geschossen haben muß. 
Steht ein Sübstami mit dem unbestimmten Artikel und 
der Negation, so werden letztere beide in das verneinende Wort 
so ist zwischen beiden ein großer Unterschied. Das erste verneint bloß eine 
freundliche Stimmung das zweite besagt das gerade Gegenteil einer solchen. 
Allein zwischen dem Nichtvorhandensein einer Sache und ihrem geraden Gegen- 
teil liegen noch sehr viele Mittelstufen. 
iese Verneinung wird daher gebraucht, wenn das Gegenteil zu behaupten 
viel zu stark wäre, sie wird aber auch gebraucht, um mild, schonend (euphe- 
mistisch) das Gegenteil auszudrücken. Man sagt z. B. statt: „Karl ist faul. 
ist liederlich"“ mit milderem Ausdrucke: „Karl ist nicht fleißig, nicht ordentlich“. 
Wird eine Verneinung zu einem verneinenden Adjektiv gesetzt, so findet 
dasselbe statt. Obschon eigentlich zwei Verneinungen eine Bejahung bilden, so 
ist das doch bei den verneinenden Adjektiven nicht ganz entschieden der Fall. 
„Nicht unfreundlich, nicht undankbar“ ist noch nicht so viel wie „freundlich, 
dankbar“. In allen diesen Fällen hat das Adjektiv immer einen leichten Vor- 
rang, der sich aber nicht zu einem entschiedenen Acoent steigert.