Full text: Die Finanz- und Zollpolitik des Deutschen Reiches.

In den deutscherseits nunmehr wieder aufgenommenen Ver- 
handlungen mit Österreich-Ungarn wurde eine Erhöhung 
der Zölle für Weizen, Roggen, Hafer, Holz, Schweine und Pferde 
in Aussicht gestellt. Österreich-Ungarn aber sollte eine differen- 
zielle Begünstigung durch Bindung der geltenden Zollsätze er- 
fahren. Hierbei bedurfte es für Deutschland einer Sicherung da- 
gegen, daß diese Begünstigung den übrigen deutscherseits meist- 
begünstigten Ländern weder direkt noch indirekt, d. h. auf dem 
Umwege über österreichisches Gebiet, zuteil werden würde. Die 
Getreide- und Viehzölle, die auch in Österreich bestanden, sollten 
in ihrer bisherigen Höhe für den Übergang über die gemein- 
schaftliche Zollinie gebunden werden. Gleichzeitig sollte, wie nach 
Art.4 des Handels- und Zollvertrags zwischen Preußen und Öster- 
reich vom ıg. Februar 1853, den Vertragsstaaten vorbehalten bleiben, 
den gebundenen Zwischenzollsatz um denselben Betrag zu erhöhen, 
um welchen der entsprechende Satz seitens des anderen Teiles 
während der Vertragsdauer herabgesetzt werden würde. 
Für die Österreich gewährten Zollbegünstigungen forderte 
Deutschland Gegenleistungen auf dem Gebiete der Industriezölle. 
Bei der erst im Vorjahre in Österreich-Ungarn vorgenommenen 
Tarifrevision war eine Anzahl für die deutsche Industrie wich- 
tiger Artikel: Eisen, Eisenwaren, Maschinen, Baumwollwaren, 
Kaffeesurrogate, Glas- und Tonwaren, Papier und Papierwaren, 
mit hohen Zollsätzen belegt worden. Deutscherseits wünschte man 
eine Herabsetzung dieser Zölle wenigstens auf jene Sätze, die 1878 
bestanden hatten. 
Es war nicht leicht für Österreich, gegenüber diesen Vor- 
schlägen ein Entgegenkommen zu bezeigen. Denn bei den von 
Deutschland geforderten Gegenleistungen standen sich die Inter- 
essen der beiden Reichshälften schroff gegenüber. Ungarn ver- 
langte, wie schon bei den früheren Verhandlungen, eine Ermäßigung 
der deutschen Getreide- und Viehzölle, die jedoch, wenn über- 
haupt nur mittels Herabsetzung der österreichischen Industriezölle 
zu erlangen war. In der diesseitigen Reichshälfte aber war 
hierfür keine Stimmung. Die gewerbliche Produktion Österreichs 
hatte sich erst zu kurze Zeit der neuen Zölle zu erfreuen. 
Wenn jetzt schon eine erhebliche Tarifermäßigung stattfinden 
sollte, so wäre das für sie schlimmer als die Nichteinführung der 
Zölle überhaupt gewesen. Außerdem war der Handelsminister 
Pino ein entschiedener Schutzzöllner. Jedenfalls mußte die öster- 
reichische Industrie, wenn sie Opfer bringen sollte, auch an anderer