Metadata : Der erste Geschichtsunterricht.

I  —  46  —

Als  es  einst  während  der  Übung  heftig  zu  regnen  anfing,  erlaubte  ihm  der  Unteroffizier,
  der  ihn  einexerzierte,  abzutreten  und  im  Schlosse  Schutz  zu  suchen.  Fast  spöttisch
rief  der  Prinz:  „Seit  wann  geht  ein  Soldat  dem  Platzregen  aus  dem  Wege?“  Und  als
dann  ein  betreßter  Diener  mit  einem  Regenschirme  herbeieilte,  fragte  er  ihn:  „Hast  du
schon  jemals  einen  preußischen  Prinzen  unter  einem  Regenschirme  gesehen?  Mach  das  dumme
Ding  zu  und  troll  dich!“  Die  Übung  nahm  dann  trotz  des  Regens  ihren  Fortgang.

Im  preußischen  Königshause  ist  es  üblich,  daß  jeder  Prinz  ein  Handwerk
erlernt.  Der  Kronprinz  wählte  sich  die  Tischlerei  und  Buchbinderei.  Noch  heute
zeigt  man  in  dem  früheren  Schlafzimmer  seines  Vaters  im  Schlosse  Babelsberg
einen  Holzschemel,  den  der  Prinz  eigenhändig  angefertigt  hat.  In  seinem  18.  Jahre
bezog  er  die  Universität  Bonn,  später  widmete  er  sich  dem  Militärdienste.

2.  Vermählung  Im  Jahre  1858  vermählte  sich  der  Prinz  mit  der  Prinzessin
  Viktoria  von  England.  Von  den  acht  Kindern,  die  dem  erlauchten  Paare
geboren  wurden,  sind  noch  sechs  am  Leben:  Wilhelm  (unser  jetziger  Kaiser),
Charlotte,  Heinrich,  Viktoria,  Sophie  und  Margarete.

Im  Kreise  seiner  Familie  fühlte  sich  Friedrich  am  wohlsten.  Mit  seinen
Kindern  spielte  er  in  der  herzlichsten  Weise.

Eines  Tages  kam  ein  Bote  ins  Schloß,  um  Beiträge  für  die  Herberge  zur  Heimat
zu  sammeln.  Als  er  die  Tür  zum  Zimmer  des  Kronprinzen  öffnete,  lag  dieser  gerade  an
der  Erde  und  spielte  mit  seinen  Kindern.  Der  Bote  brachte  sein  Anliegen  vor.  Der
Kronprinz  aber  machte  eine  abwehrende  Handbewegung  und  sagte  scherzend:  „Ja,  sehen
Sie,  meine  Frau  und  meine  Kinder,  die  wollen  alle  essen,  da  habe  ich  nichts  übrig.“
Gleich  darauf  aber  erhielt  dennoch  der  Bote  ein  ansehnliches  Geschenk.

3.  Herzensgüte.  Friedrich  war  ein  Fürst  von  großer  Herzensgüte  und
Freundlichkeit.  Wo  er  Not  und  Elend  sah,  suchte  er  sofort  zu  lindern  und  zu  helfen.

Eines  Tages  ging  der  Kronprinz  durch  Potsdam.  Da  wurde  ihm  ein  Krankenkorb
entgegengetragen.  Er  fragte  nach  dem  Kranken  und  erfuhr,  daß  es  ein  Anstreicher  sei,
der  vom  Gerüst  gestürzt  wäre.  Von  Mitleid  bewegt,  ging  er  sogleich  mit  zum  Krankenhause.
  Hier  sprach  er  dem  Verunglückten  Mut  und  Trost  zu  und  gab  ihm  das  Versprechen,
für  seine  Familie  bis  zu  seiner  Wiederherstellung  sorgen  zu  wollen.  Schon  am  anderen
Morgen  erschien  er  wieder  im  Krankenhause  und  erkundigte  sich  nach  dem  Befinden  des
Kranken.  Die  Familie  desselben  versorgte  er  bis  zur  Genesung  des  Vaters  aufs  reichlichste.

4.  Leutseligkeit.  Friedrich  war  ein  Freund  heiteren  Scherzes.  Er  verkehrte
deshalb  gern  mit  dem  Volke  und  fing  mit  diesem  oder  jenem  ein  Gespräch  an.

Während  er  einmal  auf  der  Jagd  war,  hörte  er,  wie  ein  Knabe  vor  ihm  sagte:
„Ich  möchte  doch  den  Fritz  auch  einmal  sehen!“  In  demselben  Augenblicke  hält  ihm  eine
Hand  die  Augen  zu.  „Bist  du  es,  Fritze  Schmidt?“  fragte  der  Knabe.  „Ja,“  entgegnete
der  Kronprinz,  „Fritze  heiße  ich  auch,  aber  nicht  Schmidt.“  Dann  ließ  er  los.  Der
Knabe  wußte  gar  nicht,  was  er  sagen  sollte,  als  er  jetzt  den  Kronprinzen  erblickte.  Seine
Freude  wurde  aber  noch  größer,  als  ihm  am  anderen  Tage  die  Photographie  des  Kronprinzen
  mit  der  Unterschrift  „Fritz“  ins  Haus  gebracht  wurde.

5.  Als  Gutsherr.  Während  des  Sommers  bewohnte  die  kronprinzliche
Familie  oft  das  Neue  Palais  bei  Potsdam.  In  der  Nähe  desselben  liegt  das
Gut  Bornstedt,  das  Eigentum  des  Kronprinzen  war.  Er  sowohl  wie  seine  hohe
Gemahlin  verkehrten  in  leutseligster  Weise  mit  den  Bewohnern  des  Dorfes  und
waren  ganz  besonders  um  das  Wohl  und  Wehe  ihrer  Tagelöhner  besorgt.  So
ließ  ihnen  der  Kronprinz  hübsche,  geräumige  Wohnungen  erbauen,  und  seine
Gemahlin  besuchte  nicht  selten  die  Familien,  erkundigte  sich  nach  ihrem  Befinden
und  stand  ihnen  in  Krankheitsfällen  mit  Rat  und  Tat  zur  Seite.  Des  Sonntags
sah  man  die  kronprinzliche  Familie  regelmäßig  in  der  Kirche,  und  am  Erntefeste