Full text: Staatslexikon. Fünfter Band: Staatsrat bis Zweikampf. (5)

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deutet auf eine Anderung in der wirtschaftspoliti- 
schen Orientierung breiter Massen der Bevölke- 
rung. Demgegenüber hat sich die Wirtschafts- 
wissenschaft eben noch zur rechten Zeit besonnen, 
daß sie durch ihre kritiklose Folgeleistung gegen- 
über einer wirtschaftspolitischen Idee sich an deren 
Mißerfolgen mitschuldig gemacht hat. Nun wollen 
maßgebende Vertreter derselben, wie schon ein- 
gangs bemerkt, der Wissenschaft die Befähigung 
ganz absprechen, politisch Richtung gebend zu 
wirken. Dieser Selbstbescheidung der Wissenschaft 
kann hier nicht beigepflichtet werden. Wenn die 
Entwicklung der menschlichen Gesellschaft wie die 
der außermenschlichen Natur Gesetzmäßigkeiten 
unterliegt, so ist es möglich, durch Aufdeckung dieser 
Gesetze oder Tendenzen Leitlinien für das mensch- 
liche Handeln aufzustellen. So wie die Erkenntnis 
der Naturgesetze den Menschen zur Beherrschung 
der Natur, so muß die Erkenntnis der im Gesell- 
schaftsleben wirksamen Kräfte und der Art ihrer 
Wirksamkeit den Menschen zur Beeinflussung der 
gesellschaftlichen Entwicklung befähigen. Nach 
diesen Grundsätzen hier ein System der Volks- 
wirtschaftspolitik zu entwerfen, ist natürlich nicht 
möglich. Nur folgendes sei kurz bemerkt. 
Das Grundproblem der sozialen Frage ist die 
Frage nach der Bewertung der wirtschaftlichen 
Einzelleistungen für die Gesellschaft. Diese Be- 
wertung soll, um den gerechten Ausgleich aller 
Interessen zu erzielen, sich nach einer objektiven 
Norm vollziehen, während sie gegenwärtig als das 
Ergebnis eines wirtschaftlichen Machtkampfes er- 
scheint. Die mittelalterliche Wirtschaftspolitik be- 
deutet den auf Grund der christlichen Ethik unter- 
nommenen Versuch, eine solche Norm, ein iustum 
pretium, für alle wirtschaftenden Persönlichkeiten 
zu erzielen. Dieses Ziel wurde in der mittelalter- 
lichen Wirtschaftsverfassung aus den hier schon 
angedeuteten und aus andern Gründen nicht voll 
erreicht. Das sozialistische Programm von Karl 
Marx bedeutet einen weiteren Versuch, eine Ob- 
jektivierung der Bewertungs= und damit der Ver- 
teilungsvorgänge durch das quantitative Arbeits- 
zeitmaß zu gewinnen; es vergißt jedoch anzugeben, 
wie die Menschen anders als durch despotischen 
Druck zur dauernden Anerkennung dieses Wert- 
maßes, das in seiner rationalistischen unhistorischen 
Konstruktion mit allen natürlichen Gegebenheiten 
bricht, gezwungen werden sollen. Das Marxsche 
System verkennt, wie auch schon viele neuere So- 
zialisten zugeben, den ethischen Charakter des 
Wertproblems und damit der volkswirtschaftspoli- 
tischen Probleme überhaupt. Eine Untersuchung 
über den Wertbegriff vom Standpunkt der Ethik 
läßt als seine drei wesentlichsten Bestimmungs- 
gründe Persönlichkeit, Zweckmäßigkeit und Be- 
ständigkeit erscheinen. Hiervon ausgehend, ist für 
die Volkswirtschaftspolitik zu verlangen: Vom 
Staat Schutz und Bevorzugung aller Wirtschafts- 
produkte, die den drei genannten wertbildenden 
Bedingungen entsprechen, nationale Erziehung im 
  
Volkszählung. 
  
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Sinn dieser Forderungen; von der Gesellschaft und 
vom einzelnen Bedürfnisregulierung und damit 
Leitung der Produktion nach dieser Richtung. Es 
ist richtig, daß hiermit durchaus nicht alle großen 
Probleme der Volkswirtschaftspolitik gelöst sind; 
aber es sind auch gar nicht alle diese Probleme 
durch menschliches Handeln lösbar. Die geogra- 
phischen, klimatischen, geologischen Produktions- 
bedingungen, teilweise auch die Elementartatsachen 
der Bevölkerungsbewegung, die alle für die mensch- 
liche Wirtschaft von höchster Bedeutung sind, ent- 
ziehen sich menschlicher Beeinflussung, sind daher 
nicht Gegenstand der Politik. Volkswirtschafts- 
politik, wie jede andere Politik, ist also in erster 
Linie ein Erziehungsproblem. Die wichtigsten 
Erziehungsfaktoren aber sind die religiöse Ethik 
und die Realität der Dinge im Sinn der oben 
gestellten drei Forderungen. Für erstere wirkt die 
Kirche mit allen ihren Anstalten und Einrichtungen. 
Für die Erkenntnis der letzteren regen sich im 
Schoß der Gesellschaft, vor allem auch im Deut- 
schen Reich, schon viele Kräfte, deren Bestreben 
nach Ersetzung der quantitativen Maßstäbe für 
Erzeugung und Verbrauch durch Qualitätsarbeit 
und -genuß dem aufgestellten Ziel zuführt. Je 
rascher sich diese beiden Faktoren finden, desto eher 
ist die nach Maßgabe der menschlichen Unvoll- 
kommenheit erreichbare Annäherung an das Ideal 
den objektiven Werts im Wirtschaftsleben zu er- 
offen. 
) Literatur zu I: W. Sombart, Ideale der So- 
zialpolitik, in Brauns Archiv für soziale Gesetz- 
gebung u. Statistik X (1897); Fr. Walter, Sozial- 
politik u. Moral (1899); Schriften des Vereins 
für Sozialpolitik. Verhandlungen (1910). 
Zu Il: O. Gierke, Das deutsche Genossenschafts- 
recht (1868/81); Otto Schilling, Reichtum u. Eigen- 
tum in der altkirchl. Literatur (1908); E. Tröltsch, 
Die Soziallehren der christl. Kirchen, in Archiv 
für Soziale Wissenschaft u. Sozialpolitik XXVI 
bis XXIX (1908/09); G. Ratzinger, Die Volks- 
wirtschaft in ihren sittlichen Grundlagen (21895); 
E. v. Philippovich, Die Entwicklung der wirtschafts- 
politischen Ideen im 19. Jahrh. (1910). 
Zulll: K. H. Rau, Grundsätze der V. (5/1862); 
Th Meyer, Die christlichen Sozialprinzipien u. die 
Arbeiterfrage (11904); E. v. Philippovich, Grund- 
riß der politischen Okonomie II, 1 (1899, 31905), 
II, 2 (1907). W. Klopp, Die sozialen Lehren des 
Frhrn v. Vogelsang (1894); H. Wäntig, Wirt- 
schaft u. Kunst (1909). (Rizzi.) 
Volkszählung. (Geschichte; Gegenstand 
der Zählung und Zählungszeit; Organisation 
und Durchführung.] 
1. Geschichte. Volkszählungen sind ein- 
malige oder periodische statistische Erhebungen 
zwecks Feststellung des Bevölkerungsstands. Volks- 
zählungen, wenn auch nicht im heutigen Sinn 
und Umfang, finden sich schon im grauen Alter- 
tum. Im Buche Samuel wird von König Davids 
Zählung der kriegspflichtigen Männer berichtet; 
an der Genauigkeit ihrer Ergebnisse mögen freilich 
wohl einige Zweifel berechtigt sein. In Alex-
	        
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