Full text: Prinz Max von Baden. Erinnerungen und Dokumente.

Da kam unsere Zweideutigkeit vom 28. Dezember wie einGottesgeschenk. 
Lloyd George sah und ergriff die einzigartige Gelegenheit. Er selbst umriß 
in seiner Rede vom 5. Januar 1918 ein neues englisches Kriegszielpro- 
gramm, das wie eine Zustimmung zu der russischen Forderung: Keine An- 
nexionen, keine Entschädigungen klang, vor allem aber vor dem eigenen wie 
den feindlichen Bölkern den Beweis erbringen sollte: An Deutschland, 
nicht an England scheitert der Verständigungsfriede. 
Der Instinkt des Mannes war zu bewundern. Vorbereitung und Auf- 
machung der ARede zeigten ein untrügliches Gefühl für die seelischen Wir- 
kungen, die es zu erzielen galt. 
Er sprach vor den Gewerkschaften und führte sich gleich zu Anfang 
der Rede ein nicht nur als Wortführer der Regierung, sondern der 
ganzen Nation: er habe sich vorher mit den Arbeiterführern, den Ver- 
tretern der Dominions, der liberalen Opposition besprochen und sich 
ihrer aller Zustimmung versichert; denn die bevorstehende Kraftprobe 
könne nur durchgehalten werden, wenn die Jiele des Kampfes deutlich 
umrissen und von dem Gewissen der Nation gebilligt würden. 
Nunmehr erfolgte eine Proklamierung der Kriegsziele, die tatsäch- 
lich auf die von Lansdowne geforderte Nevision der Januar--Note 
hinauslief. Zuerst kam in wiederholten Wendungen die Versicherung: 
Der Kampf werde nicht als Angriffskrieg gegen das 
deutsche Volk geführt, weder seine Vernichtung noch 
seine Zerstückelung lägen im Dlane Englands, auch 
Deutschlands große Weltstellung wünsche England nicht 
zu zerstören;z nur der HPlan einer militärischen Vorherr- 
schaft sollte aufgegeben werden. Auch die Auflösung 
OÖsterreich---Angarns werde nicht beabsichtigt; die zu 
seinem Verband gehörenden Nationen sollten nur weit- 
gehende Selbstregierung erhalten, dann würde Öster- 
reich-Angarn ein Hort des Friedens werden. Die deutsche 
Reichsverfassung sei zwar ein gefährlicher Anachronis- 
mus, die Annahme einer wirklich demokratischen Staats- 
form würde überzeugend dartun, daß Deutschland seine 
Weltherrschaftspläne aufgegeben habe, und den Ab- 
schluß eines demokratischen Friedens erleichtern — „aber 
das ist Deutschlands eigene Sache“. 
Scheinheilig wurde bedauert, daß die Mittelmächte die Friedensbot- 
schaft des Hräsidenten vom 22. Januar 1917, troth dringender Bitten 
von seiten der Gegner und auch der Neutralen, nicht beantwortet 
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