Full text: Prinz Max von Baden. Erinnerungen und Dokumente.

Kaiser und der Kronprinz müssen abdanken. Nach dem, was Scheide- 
mann gesagt hat, müssen wir annehmen, daß die Partei, vielleicht ge- 
trieben von der Furcht vor der Konkurrenz, diese Forderung offiziell 
stellen wird. 
„Kommen schlechte Bedingungen und rufen wir das Volk gegen sie 
zum Kampf auf, so werden die Anabhängigen das mit allen Mitteln 
zu hintertreiben suchen. Sie sind fest entschlossen, diesen Kampf durch 
Ausstände und Aufstände zu verhindern. Die Stimmung in den Massen 
ist sehr schwankend, ihr Abergang in das unabhängige Lager kann durch 
ein einziges kräftiges Schlagwort herbeigeführt werden. 
„Aber die alte Sozialdemokratie wird den Aufruf zum Weiter- 
kämpfen auch nicht mitmachen; das geht aus den Außerungen ihrer 
Führer hervor. Dann kämen wir in eine sehr schwere Lage. Scheidemann 
und Bauer würden aus der Regierung ausscheiden. Dabei würde wieder 
die Person des Kaisers in den Mittelpunkt gestellt werden. Ein solcher 
Entschluß würde ihnen die Anhänger wieder zuführen. 
„Was man von den Gesprächen auf den öffentlichen Plätzen und in 
den Verkehrsanstalten hört, zeigt, daß die Aberzeugung immer weitere 
Kreise — bis in die Schwerindustrie und die Hochfinanz hinein — er- 
greift: die HPerson des Kaisers sei das Friedenshindernis. Unter diesen 
Imständen wird man mit dem Aufruf wohl auf dem Lande, aber nicht 
in den Städten und in den Industriezentren durchkommen. Der Haupt- 
sitz für das, was wir jetzt aus den Massen herauskriegen wollen, sind 
aber gerade die Städte, und die werden nach meiner Uberzeugung 
versagen. 
„Ich glaube deshalb nicht, daß der Aufruf Erfolg haben wird. 
„Die Frage der Abdankung ist vielleicht die schwerste Frage, die man 
einem preußischen Beamten stellen kann. Aber als verantwortlicher 
Minister muß ich mein Gutachten dahin abgeben, daß mit der Person 
des Kaisers an der Spitze ein Aufruf zur letzten Verteidigung im Volke 
nicht den nötigen allgemeinen Rückhalt finden wird.“ 
Der Kriegsminister Scheüch widersprach: 
Er wolle das Gemüt ganz zurücktreten lassen und rein sachlich bleiben. 
Der Minister des Innern meine: Es ist nichts mit einem Aufruf an das 
Volk zu machen, solange Seine Majestät an der Regierung ist; die 
Arbeiter in den Städten werden nicht mittun. Das müsse er zugeben, 
auch auf Grund von Nachrichten aus dem Bezirk des VII. Armee- 
korps. „And zwar gilt das in erster Linie für die Unabhängigen, aber auch 
für die alte Sozialdemokratie. Darüber sollten wir doch in den nächsten 
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