Aufmarsch des Generalobersten v. Moltke. 71
Nichtigkeit der Neutralität Belgiens waltete, ist bekannt. Der Durchmarsch
durch diesen Staat ergab sich für ihn als unabweisbarer
strategischer Notbehelf, der schon oft genug erörtert worden ist.
Die entscheidungsuchende Operation in Frankreich bestand in
einer gewaltigen Linksschwenkung des deutschen Heeres um den
Drehpunkt Diedenhofen. Die hierzu eingesetzten Kräfte waren dabei
von vornherein so stark gehalten, daß ihnen ein Sieg beschieden sein
konnte, zumal nach allen Nachrichten auf eine Überraschung der
feindlichen Heeresleitung gerechnet werden durfte. Zum Schutze
dieser Bewegung gegen einen feindlichen Angriff zwischen Metz und
Straßburg waren aber nur so schwache Kräfte zurückgelassen, daß
hier ein Vordringen des Feindes gegen die rückwärtigen Verbindungen
des linken Flügels des deutschen Heeres fühlbar werden
konnte, bevor der rechte Flügel den Sieg errungen hatte. Bei
Generaloberst v. Moltke trat noch die Sorge vor einer nachhaltigen
Zerstörung des Industriegebietes nördlich Saarbrücken hinzu. Er
hielt diese Gefahren für so groß, daß er ihnen begegnen zu müssen
glaubte, zumal ein frühzeitiger feindlicher Angriff zwischen Straßburg
und Metz, verbunden mit einer Teilunternehmung im Elsaß,
immer wahrscheinlicher wurde. Diese Unternehmungen boten Gelegenheit,
gleich anfangs sehr beträchtliche Teile des französischen
Heeres zu schlagen und das Elsaß zu schützen. Auf beides legte
Generaloberst v. Moltke Wert. An der Ausführung des Schlieffenschen
Gedankens hielt er fest. Sie wurde erleichtert, wenn möglichst
erhebliche Teile des Feindes im Elsaß und in Lothringen vernichtet
wurden. Sie fielen dann für Frankreich bei Abwehr des Angriffes
unseres rechten Flügels aus. So entstand eine Erweiterung des
Aufmarschplanes des Grafen v. Schlieffen und eine gewisse Abweichung.
Generaloberst v. Moltke war hierzu in die Lage versetzt,
seitdem, jedenfalls bis 1914, die aktiven und Reserve-Divisionen
um sieben vermehrt waren"'). Hierzu traten noch 6½ Ersatz-*)
Ich entnehme die Zahlen dem vom Ersten Untersuchungsausschuß herausgegebenen
Heft 2 zur Vorgeschichte des Weltkrieges: „Militärische Rüstungen
und Mobilmachungen“. Berlin 1921.