Full text : Im alten Reichstag. Band I. (1)

144  Seffion  1875/76.

der  Wirtschaftspolitik  notwendig  zum  Bruch  zwischen  beiden  Staatsmännern
  führen  mußte.  Es  ist  daher  verhältnismäßig  gleichgültig,
  bei  welchem  Anlaß  formell  dieser  Bruch  zuerst  hervorgetreten
  ist.

Am  11.  September  1875  hatte  Fürst  Bismarck  über  den
Kopf  Delbrücks  hinweg  das  Reichseisenbahnamt  mit  dem  Reichseisenbahnprojekt
  befaßt.  Aber  nicht  bloß  die  Verfolgung  des
Reichseisenbahnprojekts,  auch  andere  Vorkommnisse  mußten  Delbrück
  die  Unhaltbarkeit  seiner  Stellung  klar  machen.  Das  Promemoria
  des  Fürsten  Bismarck  über  eine  Repressalien  politik
in  Zollfragen  vom  13.  Oktober  1875  haben  wir  bereits  erwähnt.
Ebenso  waren  die  Pläne  des  Kanzlers  in  der  Soirée  vom  12.  Dezember
  verlautbart,  das  Reichskanzleramt,  dessen  Präfident
Delbrück  war,  in  mehrere  oberste  Reichsämter  zu  zerlegen.

Nach  der  Errichtung  der  Reichsbank  hatte  Delbrück  bei
dem  Fürsten  Bismarck  angefragt  wegen  der  Ubernahme  des  Vorsitzes
  in  dem  Ausschuß  der  Reichsbank.  Fürst  Bismarck  soll
die  Frage  unbeantwortet  gelassen  und  dann  selbst  den  Vorsitz
übernommen  haben.  Auch  dies  war  eine  Behandlungsweise,  die
Delbrück  unmöglich  hinnehmen  konnte.

Die  nächste  Umgebung  Delbrücks  soll  vor  dem  Entlassungsgesuch
  erst  Kenntnis  erhalten  haben  dadurch,  daß  Delbrück  seine
Gattin  kurzer  Hand  aufforderte,  ihn  zu  begleiten  und  eine  Privatmietswohnung
  zu  besichtigen.

War  Delbrück  einmal  von  der  Unhaltbarkeit  seiner  Stellung
überzeugt,  so  mußte  er  es  für  zwecklos  erachten,  vor  dem  alten
Kaiser  Wilhelm  sein  Gesuch  durch  politische  Auseinandersetzungen
zu  begründen.  Deshalb  mochte  er  die  einfachste  Methode  bei  Abschiedsgesuchen
  von  Ministern  wählen,  die  Begründung  durch  den
Hinweis  auf  Gesundhbeitsrücksichten.

Delbrück  war  zur  Zeit  erst  59  Jahre  alt,  zwei  Jahre  jünger
als  Fürst  Bismarck.  Jedenfalls  war  er  damals  auch  weit  gesünder
als  Fürst  Bismarck  selbst.  Die  dem  Fürsten  Bismarck  nahestehende
  Presse  versuchte  das  Entlassungsgesuch  in  unwürdiger  Weise
ins  Komische  zu  ziehen,  indem  sie  andeutete,  daß  Delbrück,  der
erst  vor  einem  Jahre  in  den  Ehestand  getreten  war,  auf  Verlangen
seiner  Schwiegermutter  die  Entlassung  eingereicht  habe.

Mit  Delbrück  habe  ich  im  Reichstag  manchen  Strauß  in  den
Jahren  1871  bis  1876  ausgefochten,  glaube  ihm  aber  auch  in  der
angeführten  Rede  die  Ehre  gezollt  zu  haben,  die  ihm  gebührte.
Delbrück  war  nichts  weniger  als  liberal,  nicht  einmal  so  weit  alt-