Gedanken und Erinnerungen von Otto Fürst von Bismarck. 71
Gebildeten, als Gegengewicht, seine Wirksamkeit. In jedem Staatswesen
sei das Streben der Nichtbesitzenden nach Erwerb so berechtigt, als die
Tendenzen der Besitzenden; aber das Ubergewicht derer, die den Besttz
vertreten, sei das Nützlichere. Ein Regiment der Begehrlichen, der
novarum rerum cupidi, und der Redner, welche urteilslose Massen belügen,
erzeuge leicht eine Unruhe, welche staatliche Gemeinwesen nicht
ohne Schaden aushielten, welche eine gefährliche Beschleunigung oder gar
Zertrümmerung des Staatswagens erzeuge. Und wenn dann auch die
Massen selbst durch das Ordnungebedürfnis zuletzt wieder zur Diktatur
und zum Cäsarismus geführt würden, so geschehe das unter Aufopferung
auch des berechtigten und festzuhaltenden Maßes von Freiheit, das
europäisch-staatliche Gefellschaften ertragen.
Diese historische Betrachtung über den Kreislauf, dem die heutigen
europäischen monarchischen Staaten unterliegen, der von der absoluten
Monarchie zur ganz= oder halbrepublikanischen Staatsform und zur
Radikalifierung aller Institutionen führe und stets mit dem Cäsarismus
ende, klingt an verschiedenen Stellen des Werkes wieder an; diesen
Prozeß so aufzuhalten und zu moderieren, daß weder die Anarchie noch
der Cäsarismus eintrete, könnte man als das Ziel seiner inneren Politik
bezeichnen. Aber nirgends geht nun der große Staatsmann auf die
socialen, damit in Verbindung stehenden Fragen ein; er berührt weder
das Soctialistengesetz noch den Arbeiterschutz und die Arbeiterversicherung,
erörtert weder die Socialdemokratie noch die Gewerkvereine, weder Kartelle
noch Lohnkämpfe: er bringt damit gewiß die socialpolitischen
Reaktionäre, die sich jetzt so häufig auf ihn berufen zu dürfen glauben,
in Verlegenheit. Ich möchte sagen, er zeigt damit, daß ihm diese
Fragen nicht so am Herzen lagen wie die, welche er eingehend bespricht.
Auch nach der mehr politisch verfassungsrechtlichen Seite hin bespricht
Bismarck das von ihm ausgestellte historische Gesetz leider nicht
näher. Wir bedauern das, weil das Gesetz in seiner Allgemeinheit
gewiß ebenso wahr ist, als die Auffindung des Mittelweges schwierig
erscheint, der der gefürchteten Konsequenz auszuweichen, aber doch die
berechtigten Forderungen der Zeit, wie allgemeines Stimmrecht, zu bewilligen
versteht. Bismarck kommt nur noch kurz und andeutungsweise
auf einige hierher gehörige Fragen, z. B. den Einfluß des Besitzes und
der Bildung ohne Besitz in den Parlamenten. Letztere findet er viel zu
stark vertreten, während sie im Volke nur wenige Prozente ausmache,
steige sie in den Kammern auf über die Hälfte. Dabei giebt er aber
an anderer Stelle zu, daß die den Besfitz vertretenden Abgeordneten meist
träge, wenig arbeitsam, dabei leicht verstimmt und ehrgeizig feien, noch