Full text : Der deutsche Verfassungsstaat und die Parteien.

Auf  der  anderen  Seite  hatte  die  soziale
Bewegung  ein  Gebilde  hervorgehen  lassen,
in  welchem  die  um  ihre  Zukunft  besorgten
wirtschaftlich  abhängigen  Klassen  eine  Zuflucht
  suchten.  Die  grundstürzende  Veränderung
  aller  Produktions-  und  Verkehrsverhältnisse
  durch  die  Einführung  der
Dampfmaschine  in  den  Wirtschafts-  und
Handelsbetrieb  hatte  der  gesamten  Arbeiterwelt
  die  Befürchtung  aufgedrängt,  daß  für
ihrer  Hände  Arbeit  kein  genügender  Raum
mehr  übrigbleiben  werde.  Unter  der
Vorherrschaft  der  liberalen  Parteidogmen
gleichzeitig  ganz  der  Fürsorge  für  sich  selbst
und  dem  Wettkampf  mit  den  stärkeren
wirtschaftlichen  Kräften,  vor  allem  mit
dem  Großkapital  überantwortet.  glaubten
sic  früher  oder  später  rettungslos  dem
Proletariat  zugeführt,  bezw.  zu  Kostgängern
der  kommunalen  Armenpflege  entwürdigt
zu  werden.  Die  hierdurch  geweckte  Besorgnis
  und  Unzufriedenheit  hatte  sich  in
England  bereits  in  der  „Chartisten--Bewegung“
  laut  bemerkbar  gemacht  und  in
Frankreich  jenen  Zündstoff  mit  angehäuft,
welcher  in  den  Revolutionen  von  0
und  1818  zur  Explosion  gelangte.  Auch
in  Deutschland  griff  eine  Bennruhigung
Platz,  als  Friedrich  Engels  die  Arbeiterschaft
mit  seinen  Schilderungen  des  Elends  der
englischen  Fabrikarbeiter  aufschreckte.  Die
hierdurch  besonders  unter  den  rheinischwestfälischen
  und  sächsischen
erzeugte  Gärung  benutzte  dann  der
politisch  kompromittiert  nach  England
übergesiedelte  ehemalige  Redakteur  der
„Rheinischen  Zeitung“  Karl  Marx,  um
sie  zu  hellen  Flammen  zu  entfachen.  In
Verbindung  mit  Friedrich  Engels  ver.
öffentlichte  er  im  Jahre  1817  das  sogenannte
  „kommnnistische  Manifest“,
eine  wahre  Brandschrift,  in  welcher  er  die
„Proletarier  aller  Zonen“  zur  Sammlung
und  zur  Zertrümmerung  des  bestehenden
„kapitalistischen  Klassenstaates“  aufrief,  da
sic  in  diesem  doch  hoffnungslos  „der
Verelendung“"  preisgegeben  wären.  Er
versprach  ihnen  dafür  goldene  Berge,  eine
ungehinderte  Freiheit  und  ein  himmlisches
Erdenglück  in  seinem  „sozialistischen
Zukunftsstaat“.  „wo  es  keine  Klassen.
unterschiede  gibt,  wo  der  Arbeiter  selbst
Herr  der  Produktion  ist  und  wo  Männlein
und  Weiblein  im  gleichen  Genuß  der  Liebe
und  der  Früchte  ihrer  Arbeit  ohne  die
Sorge  um  das  tägliche  Brot  und  den
gleißenden  Mammon  ihr  Dasein  führen.“
In  einer  Schrift  über  das  „Kapital“  suchte
er  gleichzeitig  die  inneren  Gründe  für  sein

Arbeitern

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neues  Staatswesen  darzulegen,  welches
die  „Vergesellschaftung“  oder  „Verstaatlichung“
  aller  Produktionsmittel,  also
der  Fabriken,  Maschinen,  Häuser,  des
Grund  und  Bodens,  alles  Bargeldes
usw.  und  die  „Abschaffung  alles
Privatbesitzes“  sowie  die  bedingungslose
Unterwerfung  des  einzelnen  unter
einen  leitenden  Willen  zur  Voraussetzung
  hat.  Mit  großer  dialektischer
Gewandtheit  verteidigte  Marx  seinen  Standpunkt;
  aber  seine  orte  konnten  doch
niemanden  darüber  täuschen,  daß  seine
Ziele,  soweit  sie  eine  staatliche  Neuschöpfung
erstreben,  nur  eitel  „Utopie“  sind,  und
soweit  sie  den  Kampf  gegen  das  Bestehende
bezwecken,  von  grundfalschen  Voraussetzungen
  aus  ins  Auge  gefaßt  und  mit
direkt  unsittlichen  Mitteln  gefördert  werden.
Der  leitende  Gedanke  seiner  Beweisführung,
die  sogenannte  „Verelendungstheorie“,  ist
von  den  Tatsachen,  durch  die  ungeahnte
Hebung  des  Lebensstandes  der  Arbeiter
im  letzten  Menschenalter  trotz  der  Verallgemeinerung
  der  Dampf-  und  Maschinenkraft
  und  trotz  der  Zunahme  des  Kapitals
längst  und  millionenfach  verleugnet  worden.
Damit  fällt  sein  ganzes  Lehrgebände.  Von
demselben  bleibt  nur  noch  die  treibende
Kraft  seines  Urhebers:  eine  maßlose,  doch
unbefriedigte  Selbstsucht  und  der  Ha
gegen  jeden  glücklicheren  Erdenbürger  zurück,
der  nunmehr  eine  Genugtuunng  sucht  in  der
gewaltsamen  Zerstörung  alles  Bestehenden
und  in  der  Bearbeitung  der  breiten  Arbeitermassen
  als  Werkzeug  für  diesen  Zweck  durch
eine  planmäßige  Täuschung  über  den  Wert
der  gegebenen  Staats-  und  Gesellschaftsordnung
  und  über  die  Möglichkeit  des
„sozialistischen  Staates“.
Auf  diesem  Grunde  ist  die  Sozialdemokratie
  in  Deutschland  emporewachsen,
  deren  erste  Keime  in  dem  von
Iassauue  im  Jahre  1863  geschaffenen  „Allgemeinen
  deutschen  Arbeiterverein“  ent.
halten  sind.  Dieser  bezweckte  aufänglich
nur  die  Herstellung  des  allgemeinen,
gleichen  und  direkten  Wahlrechts  auf
friedlichem  und  legalem  Wege,  ein  Satz,
welcher  später  dahin  erweitert  wurde,  daß
man  mit  Hilfe  dieses  Wahlrechts  zur
vollen  politischen  Freiheit  des  Arbeiters
und  zur  Errichtung  von  Produktiv-Assoziationen
  mit  Staatshilfe  nach
Lassalleschen  Vorschlägen  kommen  wolle.
Die  sozialistische  Arbeiterschaft  in  Deutschland
  bewegte  sich  damals  also  noch  auf  dem
Boden  der  gegebenen  Staatsordnung.  In
einen  offenen  Gegensatz  zu  den  Lassalleanern