Full text : Der Mündliche Vortrag. Zweiter Teil. Die richtige Betonung und die Rhythmik der deutschen Sprache. (2)

140  Der  Bezichungston.

den  der  Fragende  selbst  hegt.  „Ist  das  Pferd  wild?  Ist
das  Buch  gut?  Ist  Karl  ein  Narr?“

Da  die  Kopula  zufolge  des  Worttons  schwach  betont  ist,
so  ist  der  Accent,  der  hier  auf  sie  fällt,  teils  ein  wirklich  sehr
starker,  teils  klingt  er  auch  noch  stärker.

Oft  wird  eine  folche  starke  Behauptung  durch  ein  Adverbium
  unterstützt.  Dann  fällt  der  Accent  nicht  auf  die  Kopula,
sondern  auf  das  Verstärkungswort.  Z.  B.  „Das  Pferd  ist
wirklich  wild.  Das  Buch  ist  wahrhaftig  gut.  Karl  ist
doch  ein  Narr“.

Solche  Verstärkungswörter  sind:  „doch,  dennoch,  sicher,
gewiß,  wahrlich,  wahrhaftig,  wirklich,  entschieden,  durchaus“
u.  a.  m.“).

Auch  bei  Fragesätzen  kommt  der  Accent  auf  das  Berstärkungswort
  und  bei  ihnen  fällt  es  recht  Tutlich  in  das  Ohr,
wie  die  Betonung  einen  Zweifel  ausdrückt.  „Ist  das  Pferd
wirklich  wild?  Ist  das  Buch  dennoch  gut?  Ist  Karl
sicher  ein  Narr?“

Ist  das  Prädikat  ein  Verbum,  so  ist  keine  ausgesprochene
Kopula  im  Satze,  sondern  sie  ist  im  Verbum  enthalten.  Soll
in  einem  solchen  Satze  die  Beziehung  auf  einen  Zweifel  ausgedrückt
  werden,  so  fällt  der  Accent  auf  das  Prädikat,  in  dem
die  Kopula  gewissermaßen  steckt  Z.  B.  „Ihr  habt  es  nicht  glauben
wollen,  das  Haus  wankt.  Fürchtet  nichts,  das  Kind  lebt.
Zweifelt  nicht,  der  Arzt  kommt.  Ebenso  bei  der  Frage.
Wankt  das  Haus?  Lebt  das  Kind?  Kommt  der  Arzt?"

Daß  in  diesen  Fällen  nicht  das  Prädikat,  sondern  die  in
demselben  enthaltene  Kopula  accentuiert  wird,  geht  aus  dem
Verhältnis  der  Hülfszeitwörter  hervor.  Ist  nämlich  das  prädikative
  Verbum  mit  einem  Hülfszeitworte  gebildet,  so  wird  dieses
accentuiert,  nicht  aber  die  Form  des  Verbums.  Z.  B.  „Das
Haus  hat  gewankt.  Das  Kind  wird  leben.  Der  Arzt  ist
gekommen.  Wird  das  Haus  sich  halten?  Hat  das  Kind
gelebt?"“  Das  Hülfszeitwort  vertritt  hier  gewissermaßen  die
Stelle  der  Kopula.

Die  Verstärkungswörter  bekommen  auch  in  diesen  Fällen
den  Accent.  „Das  Haus  wankt  gewiß.  Das  Kind  lebt  doch.
Wird  der  Arzt  wirklich  kommen?  Hat  das  Kind  sicher  gelebt?“

*)  Als  oben  (§  51)  von  heraushebenden  Adverbien  die  Rede  war,  wurde
esagt,  daß  dieselben  immer  eine  Beziehung  ansdrückten.  Das  Verhälmis  der
hür  erwähnten  Wörter  liefert  zumteil  den  Beweis  dafür.