Full text : Deutschland und der Weltkrieg.

 

4  Otto  Hinzze

 

Grenzen  im  Auge  behalten  und  die  Handelsinteressen  zum  Mittelpunkt
ihrer  Politik  machen.  Die  kontinentalen  Staaten  dagegen  sind  von  einem
Geiste  des  Argwohns  und  der  Nivalität  bescelt,  der  eine  starke  Rüstung
als  die  notwendige  Vorbedingung  der  nationalen  Sicherheit  und  damit
aller  Wohlfahrt  und  Kultur  erscheinen  läßt;  und  insbesondcre  Oentschland
  hat  einen  so  gewaltigen  militärisch-politischen  Druck  an  seinen
Grenzen  auszuhalten,  daß  es  durch  ein  unabweisbares  Gebot  der  Selbsterhaltung
  gezwungen  wird,  sich  vor  allem  militärisch  so  stark  zu  machen,
daß  es  im  Notfall  auch  einer  Welt  von  Feinden  gegenüber  sein  Dasein
behaupten  kann.

Frankreich  ist  an  der  Pyrenäengrenze  nicht  bedroht  und  im  Rücken
durch  das  Meer  gesichert;  Rußland  hat  auf  der  asiatischen  Seite  und  im
Süden  und  Norden  nicht  bloß  vollkommene  Sicherheit,  sondern  mehr
oder  minder  günstige  Ausdehnungsmöglichkeiten.  Beide  Staaten  haben
bloß  nach  einer  Seite  hin  ihre  Grenze  zu  schützen;  Deutschland  muß  es
nach  OÖsten  wie  nach  Westen  tun  und  wäre  noch  auf  einer  dritten  Seite
gefährdet,  wenn  es  nicht  das  Bündnis  mit  Österreich-Ungarn  hätte.
Diese  Lage  in  der  Mitte  Europas,  ohne  andere  natürliche  Grenzen,
als  sie  im  Norden  die  Seeküste,  im  Süden  die  Alpen  und  die  Randgebirge
  Böhmens  bilden,  ist  der  bezeichnende  Zug  in  unsercr  politischen
Geographie;  und  es  wäre  möglich,  einen  bedeutenden  Teil  unserer  politischen
  Eigenart  daraus  abzuleiten,  nicht  nur  den  monarchisch-militärischen
  Grundzug  in  der  Struktur  unseres  Staats=  und  Volkskörpers,
sondern  auch  die  ebenso  unumstößliche  wie  oft  verkannte  oder  verdrehte
Tatsache,  daß  die  bei  uns  angesammelte  kriegerische  Kraft  immer  nur
zur  Verteidigung,  nicht  zum  Angriff,  in  volle  Wirksamkeit  gesetzt  werden
  kann.  Auch  unser  Kulturleben  steht  unter  der  sichtbaren  Einwirkung
dieser  geographischen  Mittellage;  manche  Vorzüge  und  Mängel  unseres
  Volkstums  hängen  damit  zusammen:  der  aufsgeschlossene  Sinn
für  fremde  Art  und  Kunst;  die  Empfänglichkeit  für  das  Schönec  und
Gute,  ganz  ohne  Rücksicht  auf  seinc  nationale  Herkunft;  ein  kosmopolitischer
  Geist,  der  gerne  den  Stimmen  der  Völker  kanscht  und  von  einer
Gelehrtenrepublik  träumt;  eine  oft  übermäßige  Anerkennung  und  Bewunderung
  der  Eigenschaften  und  Leistungen  anderer  Nationen,  eine
gefährliche  Anpassungsfähigkeit  an  ihre  Sitten  und  Lebensgewohnheiten,
  ein  übertriebenes  und  manchmal  fast  würdeloses  Gefallen  an  ausländischen
  Worten  und  Dingen,  die  uns  die  edle  Einfachheit  eines
wahrhaft  volkstümlichen  Stils  in  Sprache  und  Leben  stören.  Alles  das
rührt  in  letzter  Linie  daher,  daß  wir  das  Land  und  Volk  der  Mitte  sind,
nach  allen  Seiten  hin  aufgeschlossen  gegen  die  Außenwelt,  nirgends