Volltext : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Erster Band. (1)

der  Widerstand  der  deutschen  Heere  nur  durch  ein  Massenaufgebot  oon  Menschen
und  Kriegsmaschinen  gebrochen  werden  könne,  das  einstweilen  noch  nicht  zu
Gebote  stand  —  um  so  weniger,  als  das  Dardanellen-  und  das  Saloniki-Unter--nebmen
  starke  Kräfte  in  Anspruch  nahmen

Dem  Materlalbebars,  abzubelfen,  war  de  englische  und,  neutral  und  bilfsbereit
  wie  stete,  di  strie  unter  Anspannung  dußerster
Tattraft  bemüht.  *5  Menschenbedarf  zu  genügen  schien  die  Heranziehung
der  farbigen  Hilfstruppen  aue  aller  Welt  nicht  ausreichend.  Dem  Deutschen
konnten  sie  im  Kampfe  Mann  gegen  Mann  auf  die  Dauer  nicht  gewachsen  sein.
War  es  doch  schon  jetzt  durch  unzähllge  Schlachterfahrungen  erwilesen,  daß  nicht
einmal  der  einzelne  „welße“  Engländer  oder  Franzose  dem  einzelnen  Deutschen
  als  Soldat  nach  Gefechtsmoral  und  Ausbildungsgrad  gleichwertig  war.

Frankreich  hatte  im  Frieden  und  jetzt  auch  im  Kriege  seine  Wehrkraft  bis
aufs  dußerste  angespannt.  Wäbrend  in  ODeutschland  das  wehrpflichtige  Alter
gesetzlich  nur  bls  zum  oollendeten  45.  Lebenssahre  reichte,  stand  in  Frankreich
die  gesamte  Männlichkeit  bis  zum  55.  Jahre  unter  Waffen.  Weiteres  weißes
Kanonenfutter  konnte  nur  berbeigeschafft  werden,  wenn  England  sich  entschloß,
sich  in  gleich  opferfreudiger  Weise  wie  die  Festlandsmächte  an  dem  großen  Entscheidungskampfe
  zu  beteiligen.

Kitchener,  der  englische  Kriegeminister,  patte  es  zunächst  mit  Werbungen
versucht,  für  die  eine  ungeheure  Propaganda  entfaltet  wurde.  Das  Ergebnis
batte  sich  nach  und  nach  gesteigert,  deckte  aber  noch  nicht  entfernt  den  Bedarf.
Aber  die  Lenker  der  englischen  Geschlchke  hatten  ihr  Volk  in  der  Hand.  Sie  konnten
bel  ihm  volles  Verständnie  für  die  Schwere  und  entscheidende  Bedeutung  des
Kampfes,  in  dem  das  Empir  stand,  voraussetzen.

In  Deutschland  träumte  man  noch  immer  von  einem  nahen  Kriegeende.
In  den  unerhörten  Strapazen  des  russischen  Sommerfeldzuges  paben  wir  uns
mit  dem  festen  Glauben  getröstet,  wir  seien  im  Begriff,  mit  der  N#ederlage  Kußlande
  den  Zusammenbruch  des  Angriffswillens  der  Entente  und  damit  den
Frieden  noch  oor  Beginn  eines  zweiten  Kriegewinters  zu  erkämpfen.  Derweil
gab  Lord  Kitchener  auf  die  Frage,  wann  der  Krieg  wohl  zu  Ende  sein  würde,
dle  gelassene  Antwort:  das  wisse  er  nicht  —  er  wisse  nur,  daß  er  für  England  im
Jahre  1915  erst  begonnen  habe

Die  englische  Regierung  durfte  es  wagen,  lhrem  Volk  einen  Bruch  mit  den
grundlegenden  Auffassungen  seiner  ganzen  Geschlchte  zuzumuten.  Sie  bereitete
die  Einfübrung  der  allgemeinen  Wehrpflicht  oor.  Von  den  durch  Werbung  zusammengebrachten
  60  Divisionen,  die  Lord  Kitchener  schon  vorher  in  Wabrbeit
batte  aus  der  Erde  stampfen  können,  standen  einige  bereits  auf  französischem
Boden,  als  die  Entente  wenige  Tage  nach  dem  Ourchbruch  von  Gorlice  auch
ibrerseite  zu  einem  großen  Angriff  mit  dem  Ziele  der  Aufrollung  der  deutschen
Front  eingesetzt  hatte.  Die  Lorettoschlacht  batte  am  9.  Mal  den  feindlichen
Ansturm  über  die  damals  noch  einzige  deutsche  Stellung  binweggetragen.  Aber
ihre  Führung  hatte  diesen  großen  taktischen  Erfolg  zu  einem  strateglsch  wirksamen
  Ourchbruch  nicht  auszunutzen  verstanden.  Joffre  hatte  sich  zu  seinem
Sostem  der  Ueinen  Teilvorstöße  zurückbequemen  müssen,  das  er  selber  mit  den
Worten  kennzeichnete:  „Je  les  grignote  —  ich  knabbere  sie  an.  .“  Die  guerre

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