Object: Staatsbürgerliche Belehrungen in der Kriegszeit. Band 2. (2)

256 Dr. Gertrud Bäumer 
in die Stadt, für den Versuch mit der Kochkiste, für die Lebensmittel, die 
für das Probekochen gebraucht werden. Für die Beratung muß ein Raum 
zur Verfügung stehen; wo es möglich ist, das Pfarrhaus oder eine leere 
Wohnung mit einem Herde; wo sich gar nichts anderes findet, gibt wohl 
hier und da auch die Gastwirtsfrau Herd und Gaststube für die Beratung 
und das Probekochen her. Man muß nur den guten Willen wecken und 
an den Opfermut der Frauen appellieren, dann bleibt der Erfolg nicht aus. 
Ich habe mit großer Befriedigung in der geschilderten Weise gearbeitet 
und die Opfer, die diese Arbeit persönlich an uns stellt, gern gebracht. Ich 
habe mehrere Male zehn bis zwölf Tage hintereinander jeden Abend in 
einem andern Dorfe gesprochen und Sonntags zweimal. Die Zugverbin- 
dungen sind zurzeit derart, daß man den Heimweg meist zu Fuß machen 
muß, oft zwei Stunden weit; aber das Gefühl, dem Vaterlande zu nützen, 
läßt jegliche Mühe gering erscheinen.“ 
Alle Frauenkreise wurden gesondert — ihrer eignen Auffassungsweise 
und ihren Aufgaben entsprechend — aufgeklärt: die Schulkinder, die größern 
Mädchen, die Hausfrauen, Arbeiterinnen, Köchinnen. 
An Vorträge und Verteilung von Flugblättern schloß sich, wie der 
wiedergegebene Bericht zeigt, praktische Beratung. In den Städten 
wurden dauernd Kochvorführungen für alle Schichten und Bedürfnisse veran- 
staltet: für Arbeiterhaushalt, bürgerliche Küche, Kinderernährung, Kranken- 
kost. Die „fettarme Küche“, die fleischlose Mittags- oder Abendernährung, die 
Ausnutzung unbekannter Nahrungsmittel, Ersatzgetränke usw.: alles wurde, 
von hauswirtschaftlich erfahrenen Frauen ausgearbeitet und erprobt, her- 
nach allen Lernbegierigen weiter gezeigt. Es war ein Glück, daß die Organi- 
sation des hauswirtschaftlichen Unterrichts weit genug vorgeschritten, die 
Methoden der hauswirtschaftlichen Belehrung befestigt genug waren, um allent- 
halben Vorrichtungen und Lehrkräfte für diese Unterweisungen zu finden. 
Eine besondere „Kampagne“ wurde organisiert, um die Obsternte sorg- 
samer und vollständiger als in reichen und unbekümmerten Friedenzszeiten 
auszunutzen. Das geschah durch den Bund Deutscher Frauenvereine schon 
im August 1914 in vielen Städten wurden infolge dieser Anregung Sammel- 
stellen, auch für nicht marktfähiges Obst, geschaffen, Vorrichtungen zum 
Einkochen und Trocknen im großen getroffen und, angesichts des bevor- 
stehenden Fettmangels, für genügende Vorräte an Obstmus gesorgt. Rezepte 
dafür wurden durch den Bund Deutscher Frauenvereine als „Kriegshilfe 
der Hausfrauen“ herausgegeben und zu vielen Tausenden verbreitet. 
Im zweiten Kriegsjahre konnte das alles noch viel besser vorbereitet, 
planvoller und vollständiger durchgeführt, auch die Verbindung von Er- 
zeuger und Verbraucher besser hergestellt werden. 
Eine ähnliche Werbe- und Anleitungsarbeit wurde für den Anbau und 
die Verwertung des Gemüses entfaltet. Die schon sehr ausgedehnte Gemüse- 
erzeugung der Laubenkolonien wurde ausgedehnt durch Bereitstellung von 
Bauland. Wenn hier auch die Organisation meist von den Städten und 
ihren gärtnerischen Fachkräften in die Hand genommen wurde, so ergaben