110 Das Reichsministerium.
provisorischen Zentralgewalt in gebührendem Maße zur Geltung zu bringen.
Der Reichsverweser sollte ja seine Befugnisse durch ein verantwortliches
Ministerium ausüben. Da lag nun der Gedanke nahe, Preußen dadurch
einen Ersatz für die ihm vorläufig entgangene Oberhauptswürde zu gewähren,
daß man das Präsidium und die wichtigsten Posten im Reichsministerium
preußischen Staatsmännern anvertraue. Eine solche Aussicht hatte für viele
Preußent und zeitweise auch für den König selbst viel Verlockendes. Schien es
doch, als werde auf diese Art die wirkliche Macht tatsächlich in die Hände
Preußens gelegk. Wer aber so dachte, übersah dabei, daß die preußischen
Minister jeden Augenblick durch ein Mißtrauensvotum des Parlamentes aus
ihren Stellungen verdrängt werden konntens; und ferner, daß die Zentralgewalt,
wenn sie eine wirkliche Regierung in Deutschland ausüben wolle, notwendig
gerade mit den größeren Einzelstaaten in Konflikt geraten mußte;
und in welche Lage hätten dann die preußischen Reichsminister der preußischen
Regierung gegenüber kommen müssen!?
Diese Schwierigkeiten waren aber zunächst nur wenigen zum Bewußtsein
gekommen, und gerade die eifrigsten Anhänger Preußens richteten ihre Blicke
auf Camphausen, dessen Kraft durch seinen Rücktritt von der Leitung des
preußischen Ministeriums eben freigeworden war. Als Vertreter des gemäßigten
Liberalismus, als Rheinländer und als ein Mann, der in die
Absichten des preußischen Königs eingeweiht sein mußte, erschien er als
besonders geeignet für die Stellung des leitenden Reichsministers.
Camphausen selbst trug wenig Verlangen nach der Uübernahme eines neuen
verantwortungsreichen und schwierigen Postens; aber sein Gefühl für die
deutsche Sache krieb ihn doch dazu, sich der Aufgabe nicht von vornherein zu
entziehen, nachdem der Reichsverweser sich, gewiß nicht ganz leichten Herzens,
dazu entschlossen hatte, ihm das Präsidium und das Auswärtige anzubieten.
Die preußischen Minister und der König selbst ließen ihn wissen, daß sie
dringend wünschten, er möge die Stellung annehmen.3
Camphausen begab sich Anfang Juli nach Frankfurté, um sich persönlich von
der Lage der Dinge zu überzengen. Aus seinen Unterredungen mit dem
Erzherzog selbst und einer Anzahl einflußreicher Parlamentarier schöpfte er
die Gewißheit, daß er die Erwartkungen nicht werde erfüllen können, die man
Hoͤchst charakteristisch sind in dieser Bezlehung die Außerungen des früheren Märzministers
v. Arnim gegenüber Perthes Ende Juli (s. Perthes a. a. O. 152f.). Er trat
für möglichste Stärkung der Fentralgewalt, obwohl sie jetzt in Österreichs Händen
liege, ein, sogar für eine direkte Unterordnung Preußens, da bei der definitiven Hersellung
der Dinge doch niemand Preußen im Ernst ihren Besic Kreitig machen könne.
Dies verkennt Valentin, Fürst Karl v. beiningen S. 115f., der meint, daß Preußen,
ludem es dlese Ministerstellen sich enegehen ließ, eine große Gelegenheit versäumt habe.
* S. Brandenburg, Briefw. 185f. u. 243f.