1140 Kußland. (Oktober 29.—November 10.)
Alle Sozialdemokraten seien in der Auffassung einig, daß eine russische Nieder-
lage im Kriege gleichbedeutend mit der Niederlage im Kampf für die Freiheit
sei, und daß die Niederlage in erster Linie das Proletariat treffen werde. Dos
arbeitende russische Volk wolle kämpfen gegen die wirtschaftliche, politische
und kulturelle Bedrohung durch Deutschland und gegen die Sklaverei, die
mit dem Vordringen Deutschlands verbunden sei. Der Aufruf verwirft
den Gedanken eines Sonderfriedens, der die größte Gefahr für die Demo-
kratie bedeute. (Vgl. übrigens unterm 10. November.)
29. Okt. Der Zar ist, vom Thronfolger begleitet, am 24. Ok-
tober aus dem Großen Hauptquartier nach der Südfront abgereist.
Die Rückkehr des Zaren und des Thronfolgers nach Zarskoje Selo
wird unterm 1. November gemeldet.
1. Nov. (Dünaburg.) Adelsmarschall v. Mirbach und Bürger-
meister Pfeiffer werden nach Irkutsk verbannt.
1. Nov. (Moskau.) Der Hauptvorstand der Vereinigung rusf-
sischer Städte beschließt, die vom Städtesemstwokongreß gewählte
Abordnung, deren Empfang der Zar abgelehnt hatte, bis zum
nächsten Kongreß bestehen zu lassen, sowie Vertreter aller russischen
Städtesemstwos sowie das Komitee für Kriegsindustrie zu einem
neuen Kongreß im Lauf des November einzuberufen.
Als Tagesordnung für diesen Kongreß wird festgesetzt: Beratung über
die Beschaffung von Lebens- und Feuerungsmitteln; Bericht über die Hilfs-
aktion der Flüchtlinge aus dem Westen; Beschlußfassung über das Fort-
bestehen der gewählten Abordnung.
5. Nov. 38 Dumamitglieder ersuchen den Ministerrat, die Be-
schränkungen der Rechte der Polen aufzuheben, weil sie nicht
auf Gesetzen, sondern auf geheimen Regierungserlassen beruhen.
9. Nov. Kriwoschein wird auf seinen Wunsch von dem Posten
des Dirigenten der Hauptverwaltung für Landwirtschaft enthoben.
Zugleich ordnet ein Kaiserl. Erlaß die Umwandlung der Haupt-
verwaltung in ein Landwirtschaftsministerium an.
Der Zar richtet an Kriwoschein ein Handschreiben und verleiht ihm
den St. Alexander-Newsky-Orden.
10. Nov. Ein Aufruf, der vom ausländischen Sekretariat des
Organisationskomitees der russischen sozialdemokratischen Arbeiter-
partei an die Parteigenossen in Rußland erlassen und von hervor-
ragenden russischen Sozialdemokraten unterzeichnet ist, besagt:
Bis heute hörte man nicht auf, uns zu belügen. Vor der Nation
wurde geheim gehalten, daß der Rückzug mit den allergrößten Schwierig-
keiten verbunden ist, daß die Armee jederzeit bedroht ist, abgeschnitten und
zur Uebergabe gezwungen zu werden, daß die Deutschen in Kowno 800
Kanonen genommen haben, daß in Nowo-Georgiewsk eine ganze Garnison
sich ergeben mußte, die aus 90000 Mann und 1200 Kanonen bestand, daß
gegenwärtig sich in Deutschland und Oesterreich etwa zwei Millionen Mann
und 10000 Offiziere kriegsgefangen befinden, daß die Deutschen im Besitze