566 Rußland. (Juni 5.—11.)
gemeine Bewegung) nur den einen geraden, vom Kaiser durch das Manifest
vom 30. Oktober gewiesenen Weg gehe. Stolypin bat mit eindringlichen
Worten, alle parteipolitischen Interessen beiseite zu stellen und an das gesamte
russische Volk zu denken, dessen Lebensbedingungen verbessert werden
sollen. Ein Gesetz, das dem Glauben eines jeden Freiheit gewähre, werde
das Volk selbstverständlich begreifen, doch nicht ein Gesetz rein reklamehaften
Charakters, das ausspricht, Orthodoxie und Christentum seien dem Heidentum,
Mohammedanertum und Judentum gleichgestellt. Zum Schluß bittet
der Ministerpräsident um Annahme der Regierungsvorlage und sagt: Seid
eingedenk, dieses Gesetz wird vom russischen Kaiser bestätigt werden, der
für mehr als hundert Millionen seines Volkes der orthodoxe Kaiser war,
ist und sein wird! (Anhaltender Beifall rechts und teilweise beim Zentrum.)
Bei der Beratung kommt es zu lärmenden Auftritten. Der der äußersten
Rechten angehörende Bischof Eulogius spricht heftig gegen den Kadetten
Karaulow, weil dieser behauptet hatte, im Bistum des Bischofs Eulogius
sei der orthodoxe Glaube mit der Peitsche verbreitet worden, und
sogar Mütter mit Säuglingen an der Brust seien von Dragonern gepeitscht
worden, damit der orthodoxe Glaube verbreitet würde. Bischof
Eulogius nennt diese Behauptungen Fälschungen der Wahrheit und ruft
den Kabetten zu: Schämt euch. Dies zieht ihm einen Ordnungsruf des
Vizepräsidenten Baron Meyendorff zu. Hierauf entsteht auf der rechten
Seite des Hauses großer Lärm. Es ertönen Rufe: Werft die Deutschen
hinaus, deutsche Fratze usw. Der Vizepräsident, der sich vergeblich bemüht,
die Ruhe wieder herzustellen, hebt hierauf die Sitzung auf.
5. Juni. Der Kassationshof verwandelt das auf fünf Jahre
Zwangsarbeit lautende Urteil gegen Lopuchin in Verschickung zur
Ansiedlung. (Siehe 11. Mai.)
8. Juni. Eine Anzahl russischer und ausländischer Blätter
hält trotz der von deutscher Seite erfolgten Mitteilungen die Behauptung
aufrecht, daß die Kaiser-Zusammenkunft auf die
Anregung des deutschen Kaisers zurückzuführen sei. Demgegenüber
ist der Petersburger Vertreter von Wolffs Telegraphischem Bureau
durch das russische Ministerium des Auswärtigen ermächtigt, zu
bestätigen, daß Kaiser Nikolaus die Initiative zu der Herbeiführung
dieser Zusammenkunft ergriffen hat und Kaiser Wilhelm
auf Einladung des Kaisers von Rußland sich in die finnischen
Gewässer begibt.
10. Juni. Die Duma nimmt nach vierzehnstündiger lebhafter
Beratung die von 39 oppositionellen Abgeordneten an die
Minister des Innern und der Justiz gerichtete Interpellation über
die Tätigkeit des Verbandes der echt russischen Männer mit 131
gegen 87 Stimmen an.
11. Juni. Die Duma genehmigt den Staatshaushaltsetat
für 1909.
ç Der Etat balanciert mit 2941148978 Rubel, und zwar betragen
die ordentlichen Einnahmen 2458740982 Rubel, die außerordentlichen