Ergebnis. 721
Man könnte ja die Frage aufwerfen, ob Bismarck unter diesen Umständen
nicht noch einen Schritt weiter hätte gehen und auf das wenige Wochen früher
von Württemberg, Baden und Hessen gemachte Anerbieten ihres vollen Eintritts
in den Rorddeutschen Bund hätte zurückgreifen können. Ob er dies
erwogen hat, wissen wir nicht; jedenfalls mußten die im Präliminarfrieden
Osterreich gegenüber festgelegten Verpflichtungen dagegen sprechen; ebenso
mußte es sehr zweifelhaft erscheinen, ob Bayern sich zu dem gleichen Schritte
bereit finden lassen werde, und ob es ratsam sei, Bayern allein außerhalb
des Bundes zu lassen. Endlich wissen wir, daß es Bismarcks eigenen Wünschen
und der ganzen bisherigen Richtung seiner Politik entsprach, zunächst
nur eine engere Einigung Norddeutschlands herbeizuführen. Durch die
Schutz= und Trutzbündnisse und die Erneuerung des JFollvereins wurde ja
der wesentlichste Teil der Beziehungen, die vor 1866 zwischen dem Norden
und Süden bestanden hatte, aufrechterhalten; ja, es wurde durch den preußischen
Oberbefehl im Kriegsfall eine stärkere Garantie für die Verteidigung
des deutschen Gesamtgebietes geschaffen, als sie der alte Bund mit seiner
höchst unvollkommenen Kriegsverfassung jemals hatte bieten können.
Jedenfalls wird man aber sagen dürfen, daß die französische Kompensationsforderung
eine außerordentlich heilsame Wirkung auf die weitere Entwicklung
Deutschlands ausgeübt hat. Sie hat nicht nur dazu beigetragen,
das Mißtrauen der süddeutschen Staaten gegen die französische Ländergier
hervorzurufen und ihnen zum Bewußtsein zu bringen, daß sie einen wirksamen
Schutz für ihren Besitzstand nur bei Preußen finden könnten, sondern
sie hat auch den entscheidenden Anstoß und die Möglichkeit zum Abschluß
jener Verträge gegeben, ohne welche die Haltung dieser Staaten beim Ausbruche
des Krieges von 1870 doch vielleicht eine andere gewesen sein würde.
finden, die ausgehobenen Mannschaften dem König den Fahneneid leisten, und preußische
Truppen im Königreich Sachsen nach Belieben des Königs von Preußen garnisonieren. Der
russische Kaiser hielt Manteuffel gegenüber mit dem Bedenken nicht zurück, daß hierdurch die
Souveränität des Königs von Sachsen fast völlig beseitigt werden würde. Es muß dahingestellt
bleiben, ob seine Einwände für die weitere Entwicklung der Dinge von Bedentung
gewesen sind. Ubrigens hatte schon Moltke in einem Schreiben an Bismarck vom 6. August
geäußert, es dürfte sehr schwer werden, Sachsen derartigen militärischen Bedingungen zu
unterwerfen, wie Besetzung des Landes durch preußische Truppen, da hierdurch die Selbständigkeit
desselben faktisch ausgehoben werde. Oagegen möchte sich wohl erreichen lassen,
daß Dresden unter Mitbesatzungsrecht als Festung konserviert bliebe, und würde eine
preußische Garnison dort das künftige Abhängigkeitsverhältnis Sachsens genugsam konstatieren.
Für eine kräftige Offensive nach Böhmen bilde Dresden den wünschenswertesten
Ausgangspunkt, während die aus Böhmen nach Görlitz und aus Oberfranken nach
Leipzig führenden Bahnen durch Ferstörung der sehr bedeutenden Viadukte mit Leichtigkeit
für lange Jeit unschädlich gemacht werden könnten.
Brandenburg, Untersuchungen. 46