VI. Kanzler und Großadmiral.
Die Vermutung, daß vielleicht ausländische Einflüsse
störend auf den Meinungsaustausch eingewirkt hätten,
wurde von Cassel bestritten. Unter den ausländischen Einflüssen
waren französische gemeint. Nach den neuesten
Enthüllungen über die Berichte des russischen Botschafters
v. Iswolski aus Paris scheint die Vermutung doch richtig
gewesen zu sein. Denn der von Theodor Wolff im
Berliner Tageblatt' veröffentlichte Bericht Iswolskis
vom 5. Dezember 1912 meldete, das Londoner Kabinett
habe den Bethmann Hollweg'schen Neutralitätsvorschlag
Herrn Poincaré mitgeteilt. Herr Poincaré sprach sich
sehr energisch gegen eine derartige Verpflichtung aus. Er
wies die englische Regierung scharf darauf hin, daß infolge
des Aichtbestehens eines schriftlichen Vertrages allgemein
politischen Charahters zwischen Frankreich und England
die Unterschrift unter einem derartigen Vertrag mit
Deutschland den derzeitigen englisch-französischen Beziehungen
soforkt ein Ende machen würde.“ Jedoch ist
damit noch nicht entschieden, daß Grey den Meutralitätsvorschlag
Bethmann Hollwegs schon zur Zeil der deutschenglischen
Besprechungen über ein political agreement mitgeteilt
hat.
Einwandfrei steht fest, daß Sir Edward Grey den
russischen Botschafter Graf Benckendorff und den französischen
Botschafter in London, Paul Cambon, über die
Haldanesche Mission von Beginn an auf dem laufenden
gehalten und ihnen auch seine eigne Formel, die nur
versprach, keinen unprovozierten Angriff auf Deutschland
zu machen und sich einer aggressiven Politik gegen Deutschland
zu enthalten, mitgeteilt hat. Beide Botschafter hielten
eine détente zwischen Deutschland und England, wie sie von
der Partei Greys und auch von konservativen Blättern gewünscht
worden war, unter der Voraussetzung für unbedenk-103