Full text : Das Deutsche Reich zur Zeit Bismarcks.

Kontraklbruch.  Krankenhilfslassen.  Handwerlertag.  Kathedersozialisten.  179

noch  lebendig.  Der  Reichstag  nimmt  ebenso  entschieden  Stellung  gegen  die  konservativen
  Antastungen  der  Koalitionsfreiheit  der  Arbeiter  und  gegen  die  „Sozialisten
paragraphen“  der  Strafgesetznovelle  als  gegen  die  widerrechtlichen  sozialistischen  Verhetzungen
  zum  Kontraktbruch,  wie  endlich  gegen  den  sozialdemokratischen  Gebrauch.
Krankenkassengelder  zu  Parteizwecken  auszugeben.  Bei  allen  diesen  Verhandlungen
spielen,  beiläufig  bemerkt,  die  der  roten  Partei  dienstbaren  sogenannten  „Arbeitervertreter“
  die  traurigste  Rolle,  diejenige  der  Nichtswisser,  Nichtswoller  und  Nichtsleister.
Aber  gleichwohl  ist  unzweifelhaft,  daß  durch  alle  diese  Vorlagen  der  Regierung  und
durch  alle  Verhandlungen  und  Beschlüsse  des  Reichstags  in  den  Jahren  von  1872  bis
1876  auf  sozialpolitischem  Gebiete  im  Drange  der  anderen  gleichzeitigen  Aufgaben
die  soziale  Frage  wenig  gefördert  worden  ist.

Andere  glaubten  diese  Frage  rascher  lösen  zu  können.  Abgesehen  von  der  Sozialdemokratie,
  mit  welcher  wir  uns  noch  eingehend  beschäftigen  werden,  zunächst  der
Demtsche  Handwerkertag,  der  sich  vom  25.  bis  27.  September  1872  zum  erstenmal
  in  Dresden  zusammenfand,  unter  der  Losung  des  Tischlers  Todt  von  Minden:
„Kein  Stand  im  Staate  ist  jetzt  so  vogelfrei  als  derjenige  der  Handwerker.“  Dieser
„Deutsche  Handwerkertag“  hat  sich  dann  unter  demselben  Leitmotiv  zwanzigmal
versammelt.  Er  war  jedoch  von  Anfang  an  nur  der  Geschäftsführer  für  junkerlichkonservative
  Partei=  und  Standesinteressen,  der  von  Schiebern  Geschobene,  trotz  alt
seiner  zünftlerischen  Junungsschmerzen,  mit  all  seinem  Verlangen  nach  Arbeitsbüchern,
Lohnbeschlagnahme,  schärseren  Bestimmungen  gegen  die  Lehrlinge,  und  auch  mit  der
letzten  Blüte  dieser  Weisheit,  dem  „Befähigungsnachweis“.  Eine  andere  Nolle  als  die
des  „gebändigten  Fortschritts“  und  des  „geförderten  Rückschritts“  hat  er  im  politischen
Leben  nicht  gespielt.  Die  Wirkung  seines  Auftretens  läßt  sich  kurz  dahin  zusammenfassen,
  daß  er  durch  seine  mittelalterlich  -reaktionären  Forderungen  Tanfende  ehrlicher
deutscher  Arbeiter  der  Sozialdemokratie  in  die  Arme  getrieben  hat.

Eine  andere  vorwiegend  sozialpolitische  Nichtung  erhob  sich  in  den  „Kathedersozialisten“
  oder  in  dem  Verein  für  Sozialpolitik,  wie  sie  selbst  sich  nannte.  Die
Mitglieder  des  Vereins  waren  meist  Professoren  oder  Gelehrte  und  darum,  mit  Ausnahme
  Adolf  Wagners  u.  a.,  meist  wenig  geneigt  und  veranlagt,  den  Kampf  für  ihre
Ideen  und  Forderungen  vor  den  Massen  und  Versammlungen  des  Volkes  zu  führen.
Lieber  griffen  sie  zur  Druckerpresse  und  zum  schriftlichen  Verfahren,  insbesondere
in  ihrem  Organ,  der  „Zeitschrift  des  Vereins  für  Sozialpolitik“.  Dagegen  drang  ihr
lebendiges  Wort  von  den  Lehrstühlen  der  demschen  Hochschulen  in  Ohr  und  Herz  der
akademischen  Jugend.  Sie  hatten  sich  am  6.  Oktober  1872  in  Eisenach  als  Partei
aufgethan  und  hielten  fortan  Jahresversammlungen  ab.  Ihr  Kampf  galt  hauptsächlich
  der  in  dem  Volkswirtschaftlichen  Kongreß  verkörperten  „Manchesterschule“,
welcher  sie  vorwarsen,  daß  die  manchesterliche  Lehre  vom  cllaisser  faire  et  laisser
allex’  nur  das  Gesetz  der  Trägheit  in  verderblicher  Weise  ouf  den  Staat  übertrage.
Sie  hielten  einen  guten  Teil  der  sozialdemokratischen  Forderungen  für  berechtigt,
einen  anderen  Teil  genauer  Untersuchung  wert  und  erkannten  dem  Staat  die  Berechtigung,
  ja  die  Pflicht  zu,  in  das  wirtschaftliche  Leben  einzugreisen  und  die  Sozialpolitik

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