102 5. Des Parlamentariers erste Kundgebungen
Dann fuhr er allein nach Potsdam, kam an einem Biwak
der Garde-Infanterie vorbei, sprach mit den Leuten und fand
Erbitterung über den befohlenen Rückzug und Verlangen nach
neuem Kampfe; dann sprach er die Generale von Möllendorf
und von Prittwitz, schilderte ihnen die Stimmung des Landvolkes.
Was er von Berlin hörte, bestärkte ihn in dem Glauben,
daß der König nicht frei sei. Auf seine Aufforderung, den
König aus Berlin herauszuholen, bekam er die Antwort, daß
man ohne Befehl nicht angreifen könne.
Unter diesen Umständen kam Bismarck auf den Gedanken,
den Befehl zum Handeln, der vom König nicht zu erwarten
war, von anderer Seite zu beschaffen. Er hoffte auf den Prinzen
von Preußen, der von vornherein die allzu lange Nachsicht des
Gouverneurs von Berlin, Pfuel, mit scharfen Worten als Demoralisierung
der Truppen bezeichnet und nach dem Befehl zum
Rückzuge seinen Degen auf den Tisch geworfen hatte mit den
Worten, er könne ihn nicht mehr in Ehren tragen. Den Prinzen
fand er nicht, wohl aber dessen Gemahlin, die Auskunft verweigerte
über den Aufenthalt des Gemahls und in lebhafter
Erregung erklärte, sie habe die Rechte ihres Sohnes zu wahren.
Was sie sagte, beruhte auf der Voraussetzung, daß der König
und ihr Gemahl sich nicht halten könnten, und ließ auf den Gedanken
schließen, während der Minderjährigkeit des Sohnes
die Regentschaft zu führen. An Bismarck wurde dann von
Georg von Vincke das Ansinnen gestellt, die Rechte für diesen
Zweck zu gewinnen. Er erwiderte mit aller Lebhaftigkeit, daß
er mit einem Antrage auf gerichtliches Verfahren wegen Hochverrats
antworten werde. Von diesem Ansinnen hat Bismarck
dem Könige Wilhelm niemals etwas gesagt, wiewohl die
Königin ihm viel Gegnerschaft bereitet und seine Nerven oft
auf schwere Proben im Leben gestellt hat.
Da er zum Prinzen von Preußen nicht gelangen konnte,
machte er sich an den jungen Prinzen Friedrich Karl, auch hier
vergeblich. Schließlich bekam er vom Prinzen Karl ein offenes
Schreiben als Legitimation mit, um in Berlin zum Könige zu
gelangen.