Volltext : Preußische Geschichte. Zweiter Band. (2)

III.  Die  Erweiterung  der  landesherrlichen  Gewakt.  81

er  die  Stadtgrenze  überschritt,  was  er  natürlich  sorgsamst  ver—
mied.  Die  Lage  wurde  immer  gespannter,  die  Erregung  der
Bürgerschaft  so  groß,  daß  man  im  Januar  1662  jeden  Augen—
blick  des  Ausbruchs  gewärtig  war.  Zwischen  dem  Kneiphof  und
der  Besatzung  des  Fort  Friedrichsburg  herrschte  eine  Art  von
Kriegszustand.  Ein  Wachthaus,  das  der  Kommandant  der  Feste,
Oberst  Belkau,  auf  dem  Damm  am  Pregel  auf  städtischem  Ge—
biet  errichtet  hatte,  versuchte  die  Bürgerschaft  zu  zerstören.  Dieser
Vorgang  überzeugte  den  Kurfürsten  vollends  von  der  Notwendigkeit
  energischen  Einschreitens:  am  17.  Februar  schrieb
er  Schwerin,  mit  Beginn  der  besseren  Jahreszeit  werde  er
selbst  nach  Preußen  aufbrechen,  und  befahl,  das  feste  Haus  Fischhausen
  (zwischen  Pillau  und  der  Hauptstadt)  in  stand  zu  setzen,
die  Königsberger  aber  ernstlich  vor  neuen  Thätlichkeiten  zu
warnen.

Auch  die  bürgerliche  Opposition  rüstete  sich  zum  Handeln.
Unter  Androhung  einer  Buße  von  5000  Thalern  war  der  Rat
von  neuem  aufgefordert,  Rohde  auszuliefern,  natürlich  vergebens.
  Ihn  außerhalb  des  städtischen  Gebiets  zu  überraschen,
gelang  nicht,  und  als  Ende  Februar  das  Verlangen  nach  seiner
Auslieferung  beim  Rat  erneut  wurde,  jetzt  bei  10  000  Thaler
Strafe,  kam  die  überraschende  Meldung,  er  sei  aus  der  Stadt
geflohen,  natürlich  ohne  Wissen  des  Nats,  aber  nicht  „aus
Antrieb  seines  bösen  Gewissens“",  wie  der  Kurfürst  meinte.
Als  Mönch  verkleidet  hatte  man  ihn  mit  seinem  Bruder,  dem
Jefuitenprovinzial,  auf  dem  Wege  nach  Warschau  gesehen.  Bald
offenbarten  sich  die  Wirkungen  seiner  Thätigkeit  am  polnischen
Hofe:  dieser  erwog  dae  geforderte  Einschreiten.  In  gleicher
Richtung  war  dort  bereito  Oberstlieutenant  von  Kalckstein  thatig.
Deshalb  beschloß  der  Kurfürst,  das  Amt  Oletzko  anderweitig
zu  vergeben,  und  ließ  die  in  Stillstand  geratene  Untersuchung
wegen  eines  Jagdfrevels  gegen  Kalckstein  wieder  aufnehmen.
Was  beide  mit  ihren  volnischen  Gönnern  vereinbart  haben,
können  wir  nur  vermuten.  Doch  glaubten  sie  augenscheinlich
polnischer  Hilfe  für  Königsberg  sicher  zu  sein.  Voll  Zuversicht
kehrte  Rohde  heim:  kein  Mensch  dachte  daran,  ihn  auszuliefern:
alle  Welt  freute  sich  der  durch  ihn  vermittelten  Aussichten.

Prutz,  Preußiiche  Geschichte.  II  6