Die Gelehrten der Kreuzzeitung. Oesterr. Umtriebe. Schwarck. Stieber. Kurhessen. China. 149
Europa aus und kommen damit praktisch zu dem Ergebnis, daß sie bessere Oesterreicher
als Preußen werden, daß sie der Krone Neapel wirksamer dienen als der eignen.
Doktrinärs geraten in jeder Richtung auf Abwege, und diese vergessen von Cromwells
gutem Spruch: „Betet, but keep your powder dry“, die zweite wichtige Hälfte.
Gortschakow gab mir indirekt zu verstehn, daß von Wien her in Paris Insinuationen
über unsre in Warschau zutage getretene Feindseligkeit gegen Frankreich gemacht seien,
und tadelte Kisselew, daß er in seiner altersschwachen Unklarheit diesen Irrtum mehr
gefördert als zerstört habe. Die Belleitäten Oesterreichs, eine westmächtliche Anlehnung
zu nehmen, sind in bestem Stile Schwarzenberg-Buolscher Tradition; aber Frankreich
stellt sich schwerlich neben die Scheibe, nach der alle Geschütze der europäischen
Nationalitäts- und Liberalitäts-Bestrebungen gerichtet sind, neben das Wiener Kabinett,
und zu einer entente à trois, mit England, ist kein Boden in der Gegenwart, wenigstens
nicht in Italien. — In der Schwarck-Stieberschen Sache⁵) finde ich, daß die Regierungs-Presse
den Dingen zu große Wichtigkeĩt gegeben hat; daß einzelne Beamte wegen Ausschreitungen
im Amt oder taktloser Haltung zur Disposition gestellt werden, ist an sich
eine so einfache Sache, wie daß Blätter fallen und andre an ihrer Stelle wachsen; daß die
Presse in Zeiten, wo andrer Stoff mangelt, aus solchen Dingen ein großes Strohfeuer
anbläst, ist nicht zu verwundern; aber von der offiziösen hätte ich weniger Pathos und
vornehmere Ruhe gewünscht. Soeben kommt hier telegrapbisch die Nachricht von der
Auflösung der Stände in Kassel an; das gibt Wasser auf unsre Kammermühle; meines
unvorgreiflichen Erachtens können wir die Leute nicht im Stich lassen, le vin est tiré,
il faut le boire; mit dem Kurfürsten zu gehen, wäre, auch ohne die Antezedenzien unsrer
Politik in dieser Frage, ein dornenvoller Weg für Preußen. Nehmen Sie diese meine
Expektoration, die ich im Moment der Abfahrt der jungen Prinzen⁶) eilig der Feder entfließen
lasse, mit gewohntem Wohlwollon auf; mit der aufrichtigsten Ergebenheit der Ihrige.
*128. Bericht an Minister v. Schleinitz.
[Konzept.]
20./8. Dezember 1860.
Nach den aus China hier eingegangenen Nachrichten haben die Verbündeten den
rechtzeitigen Friedensschluß¹) und ihre eigene Rettung aus einer mißlichen Situation vorzugsweise
der ebenso entschlossenen als uneigennützigen Vermittlung des Herrn v. Ignatiew
zu verdanken, welcher sich allein, nur von sechs Kosaken begleitet, durch die von mörderischem
Gesindel jeder Art gefährdeten Zugänge Pekings zu dem als Statthalter zurückgelassenen
Bruder des Kaisers begeben und nach achttägiger Verhandlung das Ultimatum
der Verbündeten zur Annahme gebracht hat. Außer den früher geforderten
60 Millionen ist noch eine als Entschädigung versprochen, auch sind die Leichen
von neunzehn ermordeten Europäern, worunter der Korrespondent der „Times“,
5) Der Polizeidirektor Dr. Stieber war wegen Ueberschreitung seiner Amtsgewalt zur Disposition
gestellt worden. Schwarck war der Name des Oberstaatsanwalts, der die Anklage gegen Stieber erhob.
6) Prinz Albrecht d. J. reiste damals nach Berlin zurückt. Welcher oder welche anderen Prinzen noch
in Frage kommen, ist nicht bekannt.
128. 1) Friedensschluß der miteinander verbündeten Franzosen und Engländer mit China vom 26. Oktober
1860 zu Peking, durch den der im Jahre 1856 ausgebrochene Krieg beendigt wurde.