Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 3. (3)

386 Die Berichte des britischen Gesandten in Berlin. Die Grundlage dieser Unkenntnis? Budberg. 
ohne Schwierigkeit bewilligt werden würde, falls E. M. sich herbeilassen wollten, die Ver- 
wendung der Armee zur Unterstützung einer Politik im Sinne des National-Vereins in 
Aussicht zu stellen. 
Ich lege diesen Auffassungen der leitenden englischen Politiker nur um deswillen 
Bedeutung bei, weil aus denselben hervorgeht, welche vollständige Unwissenheit in diesen 
Kreisen hinsichtlich der Lage der Dinge und der Stellung unserer Parteien vorherrscht, 
obschon die Urteile und Ratschläge, welche ich von den beiden Ministern hörte, mit einer 
Sicherheit gegeben wurden, wie nur die gründlichste Sachkunde sie hätte rechtfertigen 
können. 
Mir war es von Wichtigkeit erschienen, die Meinung der englischen Minister über 
unsere Zustände zu hören, die Motive zu kennen, welche ihrer Parteinahme für die 
Opposition gegen E. M. Ministerium zugrunde liegen, und auf dieselbe nach Kräften be- 
richtigend einzuwirken. Die vorgefaßten Meinungen, auf welche ich stieß, schienen aber 
auf amtlichen englischen Nachrichten zu beruhen, welchen die dortigen Minister natürlich 
größeren Glauben beimessen als den Ansichten eines fremden Diplomaten. 
Ich kann nicht umhin, aus dem Vorstehenden zu schließen, daß Lord Augustus Loftus 
seiner Regierung über unsere inneren Angelegenheiten unrichtige Vorstellungen beibringt, 
welche er selbst, wie ich gern glaube, nicht absichtlich, sondern aus Mangel an Fähigkeit, 
zu beobachten und zu unterscheiden, in sich aufnimmt. 
Ueber die dänische Frage äußerten sich die beiden genannten Minister übereinstimmend 
im eider-dänischen Sinne, und wird E. M. Regierung in dieser Beziehung durch aller- 
höchstdero Gesandtschaft darüber berichtet sein, daß eine unseren Wünschen günstigere 
Haltung Englands zunächst nicht zu erwarten steht.. 
Mit großem Interesse erkundigte sich Lord Palmerston nach meinen Ansichten über 
die Wahrscheinlichkeit eines französisch-russischen Bündnisses und über die etwaige 
Leistungsfähigkeit Rußlands für die möglichen Zwecke einer solchen Allianz. In betreff 
der letzteren Frage bestritt ich die Richtigkeit seiner Meinung von der vollständigen 
Ohnmacht Rußlands und begnügte mich, was den ersten Punkt anlangt, zu bemerken, daß 
das Einverständnis jener beiden Kontinentalmächte in den augenblicklich schwebenden 
Episoden der serbischen und montenegrinischen Frage allerdings ohne jedesmalige Ver- 
abredung sichergestellt zu sein scheine. 
*358 Telegramm an Minister Graf Bernstorff. 
9. Juli 1862. 
Baron Budberg sieht seine Ernennung zum hiesigen Botschafter jetzt als sicher an,¹) 
geht Sonnabend²) über Baden nach Berlin und glaubt, daß Oubril³) nach Berlin, Stackel- 
berg⁴) nach Turin bestimmt ist. 
1) Baron Budbergs Ernennung zum Botschafter  in Paris erfolgte erst am 17. November 1862. 
2) 12. Juli.       
3) Paul v. Oubril, Legationsrat bei der russischen Botschaft in Paris, wurde am 24. Januar 1863 als 
Gesandter am Berliner Hofe  beglaubigt. 

4) Der frühere Gesandte Rußlands am sardinischen Hofe, Graf Stackelberg, wurde am 18. September 
1862 am italienischen Hofe als Gesandter  beglaubigt.