Full text : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 3. (3)

Besitzt  B.  das  Vertrauen  seiner  Regierung?  Das  preußische  Gesandtschaftspersonal.  47

zu  wissen  schien,  ließ  hier  die  Frage  aufkommen,  ob  mir  das  volle  Vertrauen  meiner  Regierung
  fehle,  eine  Vermutung,  die  stets  naheliegt,  wenn  einem  Gesandten  eine  Spezialmission
  zur  Seite  gestellt  wird,  ohne  daß  die  Veranlassung  zu  derselben  im  Augenblick  für
jedermann  zu  erkennen  ist.  Ich  selbst  habe  diesen  Eindruck  nicht  gehabt,  denn  wenn  auch  die
Ansichten  über  unsre  politischen  Aufgaben,  welche  ich,  ohne  gefragt  zu  sein,  und  vielleicht
mit  zu  großer  Lebhaftigkeit,  in  meinen  Berichten    und  Briefen  vorgetragen  habe,  nicht  überall
  E.  E.  Billigung  haben,  so  bin  ich  mir  doch  bewußt,  daß  mein  Verhalten  nach  außen  in
Übereinstimmung  mit  meinen  Instruktionen  ist  und  bleiben  wird.

Gortschakow  ist  bisher  gegen  mich  sehr  mitteilend  gewesen,  ohne  daß  ich  von  solchen
Offenherzigkeiten,  welche  Budberg  Verlegenheiten  bereiten  könnten,  Gebrauch  gemacht
hätte,  da  beide  Höfe  nicht  gewinnen,  wenn  man  ohne  Not  das  persönliche  Einvernehmen
mit  den  Trägern  des  gegenseitigen  Verkehrs  gefährdet.  Budberg  aber  meldet  ohne  Auswahl,
  was  er  erfährt;  ohne  Entstellung,  soviel  ich  weiß,  aber  manches  gelegentlich  gesprochene
  Wort,  manches  hingeworfene  Urteil  wird  mehr  als  es  hat  sein  sollen,  wenn  es  in
einem  Berichte  figuriert.  Bei  dieser  rückhaltlosen  Genauigkeit  der  Nachrichten,  welche  über
jedes  Detail  hieher  gelangen,  ist  es  für  mich  eine  wesentliche  Bedingung  unbefangener  Berichterstattung,
  daß  Budberg  von  meinen  Äußerungen  nicht  viel  mehr  erfährt,  als  er  mit
der  Post  hätte  schreiben  oder  in  claris  telegraphieren    können.

Unsere    Kammerverhandlungen²)  haben  natürlich  seinen  Beifall  nicht  gehabt.  Er  bezeichnet
  als  hauptsächliches  Ergebnis  derselben  den  Eindruck,  daß  die  crême  der  gewählten
preußischen  Intelligenz  in  beiden  Häusern  zwar  viel  Deklamation,  aber,  nach  Abzug  derselben,
  nicht  einen  einzigen  staatsmännischen  Gedanken  zutage  gefördert  habe,  der  das
Niveau  des  alltäglichen  Journalismus  überrage.  An  der  Haltung  der  Regierung  vermißt
er  Entschiedenheit  in  der  Berichtigung  falscher  Tatsachen,  die  von  der  Tribüne  her  behauptet
  wären.

Zu  meiner  lebhaften  Freude  habe  ich  von  Croy  die  Nachricht  erhalten,  daß  ich  ihn
bald  erwarten  darf.  Die  Arbeitslast,  welche  der  Schutz  der  preußischen  Untertanen  regelmäßig
  mit  sich  bringt,  ist  groß,  und  vermöge  der  Personalverhältnisse  der  Kanzlei  bin
ich  genötigt,  vieles  selbst  zu  tun,  was  bei  andren  Gesandtschaften  den  Sekretären  und
Kanzlisten  allein  obliegt.  Bertolotti  ist  ein  sehr  wenig  brauchbarer  Beamter  und  Schlözer,
abgesehen  von  seiner  geringen  Vertrautheit  mit  dem  Französischen,  ein  oberflächlicher  Arbeiter.
  Ich  muß  die  einfachsten  Konzepte  ändern  und  jedes  Mundum  selbst  kollationieren.
Die  Tradition  des  Herrn  von  Rochow  ist  hier  noch  fühlbar,  der  zu  allen  Geschäften,  die  nicht
zur  hohen  Politik  und  zu  seiner  persönlichen  Stellung  nach  oben  in  Beziehung  standen,  sich
ziemlich  so  verhielt,  wie  der  Demokrat  sich  den  Diplomaten  im  allgemeinen  vorstellt,  d.  h.
gleichgültig  und  ohne  jeden  Diensteifer.  Herr  von  Werthern  hat  sich  vom  Moment  meiner
Ankunft  an  feindselig  und  zurückhaltend  gegen  mich  benommen  und  mir  die  Einführung  in
Geschäfte  und  Gesellschaft  sehr  erschwert,  auch,  wie  ich  allmählich  höre,  allerhand  Nachteiliges
  in  hiesigen  Kreisen  über  mich  geredet;  ich  habe  das  der  Abneigung  zugeschrieben,
nach  seiner  Ernennung  zu  einem  selbständigen  Posten  noch  unter  mir  hier  zu  fungieren,  und
habe  diesem  unberechtigten  Gefühl  Rechnung  getragen,  indem  ich  mich  ohne  ihn  behalf.
Nachdem  Werthern  sich  als  außer  Funktion  befindlich  anfah  und  mir  das  mündlich  erklärt
hatte,  mußte  ich  Herrn  von  Schlözer,  zunächst  mündlich,  den  Wunsch  ausdrücken,  er  wolle  sich
mehr  à  portée  der  Geschäfte  halten,  solange  der  telegraphische  Verkehr  in  Chiffern  so  leb-


2)  Am  12.  und  13.  Mai.