Full text : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 3. (3)

Die  deutschen  Kollegen.  Großfürstin  Marie.  Gespräch  mit  dem  Zaren.  Münster.  Gortschakow.  51

einer  Antwort  aus,  so  heißt  es,  daß  ich  mich  nur  mit  Russen,  Franzosen  und  Sir  John
einlasse,  gegen  den  deutschen  Landsmann  aber  den  boutonnierten  Großmachtsvertreter
spiele.  Vertrete  ich  aber  ehrlich  den  Standpunkt  unsrer  Regierung,  indem  ich  uns  die
Initiative  in  Deutschland  gewahrt  wissen  will  und  mich  bemühe,  Illusionen  und  leidenschaftlichen
  Hoffnungen  keine  Ermutigung  zu  gewähren,  so  werde  ich  als  Bonapartist  und
Verschwörer  gegen  Deutschland  angeklagt,  mit  allen  den  Übertreibungen  und  Entstellungen
von  Wort  und  Tat,  welche  ich  von  Frankfurt  her  gewohnt  bin,  und  welche  ihren  Ausdrucke
oft  genug  in  diplomatischen  Beschwerden  und  in  Anklagen  auf  dem  Wege  fürstlicher  Korrespondenzen
  gefunden  haben.  Wenn  ich  mit  Montebello,  oder  mit  Sauli,  dem  Sardinier,  der
außer  mir  der  einzige  reitende  Diplomat  ist,  zusammen  auf  den  Promenaden  gesehen  werde,
so  ist  das  in  den  Augen  mancher  Herren  schon  ein  verwerflicher  Mangel  an  deutschem
Patriotismus.  Gr.  Münster  geht  glücklicherweise  übermorgen  fort;  er  ist,  unter  seiner  Hülle
von  niedersächsischem  Phlegma,  der  Aufgeregteste  von  allen,  und  vermöge  unsrer  näheren
Bekanntschaft  ist  es  für  mich  doppelt  schwierig,  auf  die  Fragen,  die  er  als  „guter  Freund“
zur  Diskussion  stellt,  mich  als  Diplomat  so  auszusprechen,  daß  ich  möglichst  wenig  Stoff  zur
Berichterstattung  und  Verketzerung  gebe.  Könneritz,  der  Sachse,  trägt  eine  lebhafte  Begeisterung
  für  Preußen  zur  Schau,  schilt  über  Beust  und  über  Österreich  und  spricht,  als  ob
er  unter  einem  Ministerium  Carlowitz  mit  deutscher  Unionspolitik  fungierte;  es  mag  seine
Herzensmeinung  sein,  aber  es  ist  ein  gutes  altes  Sprichwort  bei  uns,  daß  man  keinem
Meißner  trauen  soll.  Montgelas  ist  in  tiefster  Verstimmung  über  die  Entwertung  der  Metalliques
  und  scheint  sonderbarerweise  das  beste  Mittel,  diesem  Übel  abzuhelfen,  in  der  Verallgemeinerung
  des  Krieges  zu  erblicken.  Auf  meinen  Wunsch,  in  Deutschland  Sammlungen
für  unsere  hiesigen  Wohltätigkeitsvereine  zu  veranlassen,  entgegnete  er,  daß  in  Bayern  kein
Kreuzer  eingehen  werde,  weil  alle  bisher  wohlhabenden  Leute  am  Rande  des  Ruins  ständen;
sein  Schwiegervater  (Seinsheim)  habe  seinen  Etat  von  6  Pferden  auf  2  beschränken  müssen
und  der  reiche  Graf  Schönborn  sei  in  der  peinlichsten  Lage;  jedermann  habe  sein  Vermögen
in  österreichischen  Papieren,  „daher  kommt  auch“,  setzte  er  naiv  hinzu,  „bei  uns  die  zornige
Stimmung  gegen  Napoleon“.

Die  Frau  Großfürstin  Marie  hat  vermutlich  eine  in  unsren  höchsten  Kreisen  getane
Äußerung  mißverstanden,  wenn  sie  hierher  die  Nachricht  gebracht  hat,  es  existiere  für
Preußen  aus  dem  Jahre  1848  (!)  her  eine  Verpflichtung,  Österreich  die  Minciolinie  zu  garantieren
  und  keinen  Feind  hinüberzulassen.  Ich  habe  dies  dahin  berichtigt,  daß  unter  einer
solchen  Verpflichtung,  falls  sie  Allerhöchsten  Ortes  als  existent  bezeichnet  worden,  nur  eine
moralische,  nicht  eine  vertragsmäßige  werde  verstanden  worden  sein.  

Fürst Gortschakow hat in den letzten Tagen jeden Morgen mit dem Kriegsminister und
dem  Chef  des  Generalstabes  (Lieven)  gearbeitet,  und  heut  und  morgen  finden  Konseilsitzungen
statt,  um  dann  14  Tage  zu  ruhen.

Mit  der  ausgezeichnetsten  Hochachtung  verharre  ich  ...

40.  Bericht vom  4.  Juni  1859  an  Minister  v.  Schleinitz,  betr.  Gespräch
mit  dem  Zaren,  dessen  fortdauernde  Besorgnisse  wegen  der  erregten  Stimmung
in  Deutschland  und  Bemerkungen  über  die  Münstersche  Sendung.  Feste  Stellung
des  Fürsten  Gortschakow  beim  Zaren.  Alexanders  II.  Vertrauen  auf  die  Festigkeit
  des  Prinzregenten.  Aufklärung  über  die  Nichtanmeldung  des  Großfürsten
Konstantin  in  Konstantinopel.  Türkische  Neutralitätserklärung.  Urlaub.  —
Vgl.  Raschdau  l.  88  f.

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