Geschichtliche Entwicklung der Hohenzollernkandidatur in Bukarest. 517
seitens des letzteren erfolgten Annahme derselben unterrichtet und Sie ersucht, sich dem-
gemäß dort zu äußern.
Meine gegenwärtige vertrauliche Mitteilung hat den Zweck, Ew. pp. von der geschicht-
lichen Entwicklung der Sache in Kenntnis zu setzen. Schon vor längerer Zeit, gleich nach
der Wahl des Prinzen in Bukarest, habe ich Gelegenheit gehabt, die Frage sowohl mit
diesem als mit dessen Herrn Vater zu besprechen.¹ Ich sagte ihnen: Wenn der Prinz darauf
eingehen wolle, so käme es vor allen Dingen darauf an, daß er sich der Zustimmung Rußlands
versicherte, da er ohne dieselbe nie eine gesicherte Existenz in den Fürstentümern führen
könne. Der Prinz müsse daher, wenn er Wert auf die Aussicht lege, nach St. Petersburg
gehen und den Versuch machen, die Kaiserliche Regierung für sich zu gewinnen. Der Prinz
erwiderte mir hierauf, daß dies ganz mit seinen Absichten übereinstimme, daß er die Zustim-
mung Rußlands für unentbehrlich erachte, und ließ dabei die Hoffnung auf die Hand einer
Leuchtenbergischen Prinzessin durchblicken.
Darauf hat der Prinz, wie ich später erfahren, vor jetzt ungefähr fünf Wochen einen
sechswöchigen Urlaub erhalten, und zwar auf den Wunsch des Vaters, welcher Wert dar-
auf legte, den Sohn während der Pariser Konferenzverhandlungen in seiner Nähe zu behalten.
Ich erfuhr hiervon ungefähr acht Tage vor dem Bekanntwerden der Ankunft des Prinzen in
den Fürstentümern, als das Gerücht, der Prinz sei nach Frankreich und Italien gereist, mich
zu Erkundigungen nach seinem Aufenthalte veranlaßte. Wenn ich recht unterrichtet bin, so be-
fand sich der Prinz zuletzt auf den Besitzungen seines Vaters in der Schweiz, wahrscheinlich
in der Absicht, von dort aus seine Abreise nach den Fürstentümern vorzubereiten. Daß der
Prinz den Urlaub benutzt hat, um seine Abreise ins Werk zu setzen, ist mir im höchsten Grade
unerwartet gekommen, da er mir im Gegensatze zu seinem Vater überhaupt wenig Neigung
zu haben schien, sich auf die Sache einzulassen, und ich den Eindruck gewonnen hatte, daß seine
hiesige Stellung seinen Neigungen mehr entspreche. Übrigens aber konnte der Prinz, wenn
er ohne Abschied abreisen wollte, ohne die rechtliche Natur seines Verhaltens zu ver-
schlimmern, sich auch ebensowohl von hier aus ohne Urlaub auf den Weg machen, und die
erfolgte Bewilligung des Urlaubs ist daher an und für sich vollständig irrelevant.
Gleichzeitig mit der telegraphischen Nachricht von dem Eintreffen des Prinzen auf
walachischem Boden ging über Düsseldorf das aus Salzburg vom 16. d. M. datierte Ab-
schiedsgesuch desselben hier ein. Als dieses in den Händen Seiner Majestät des Königs war,
befanden allerhöchstdieselben sich in der Lage, entweder den Fall der Desertion öffentlich an-
zuerkennen oder den Abschied zu erteilen. In Berücksichtigung des Hohenzollernschen
Namens entschieden Seine Majestät, wie dies erklärlich, sich für das letztere. Der Abschied
wurde kurzweg bewilligt und so die Sache äußerlich geregelt.
Die Königliche Regierung hat bei dem Unternehmen des Prinzen nicht den mindesten
Anteil. Er hat dasselbe auf eigene Gefahr und Verantwortung unternommen und, möge es
gelingen oder scheitern, wir haben kein staatliches Interesse bei dem Verlaufe desselben. Diese
Haltung habe ich auch der Drohung der Pforte mit militärischer Okkupation der Fürsten-
tümer gegenüber nicht aufgegeben. Ob es dem Interesse Rußlands mehr entspricht,
die Stellung des Prinzen zu bekämpfen und ihn zu beseitigen oder aber die Bereitwilligkeit
1 Vgl. dazu: Aus dem Leben König Karls von Rumänien, I, 16 ff., wo sich ausführliche Aufzeich-
nungen über die Unterredung des Prinzen mit Bismarck vom 12. April finden. Nach der Aufzeichnung
hatte Bismarck dem Prinzen als Freund und Ratgeber, ganz frei und offen gesagt: „Sie sind von einer ganzen
Nation einstimmig zum Fürsten gewählt, folgen Sie diesem Rufe; gehen Sie direkt in das Land, zu dessen
Regierung Sie berufen sind!“