Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6b. (6b)

Die Gründe für den mangelnden Fortschritt im Ausbau der Bundeseinrichtungen. 183 
ulnd) keinen Zweifel darüber aufkommen lassen zu wollen, daß Sie diesen Standpunkt da, 
wo das Verständniß für denselben fehlt, klar zu legen ulnd] m vertreten versucht haben". 
1460. Schreiben an den Staatsminister Grafen von Zgenplttz. 
(Konzept von der Hand des VBortragenden RNats Wehbprmann.] 
Wenn in ser#schrittlichen Kreisen Bayerns (ogl. Ar. 1459) der partikularistische Wahlsieg 
vom 25. Vovember wesentlich ouf die Stagnation zurückgeführt wurde, die man von Berlin 
ber in der deutschen Grage habe einreihen lassen, so fehlte es auch andererseits in Norddeutschland 
nicht an Stimmen, die Bismarck für mangelnde Fortschritte in dem inneren Ausbau der norddeutschen 
Bundeseinrichtungen verantwortlich machen wollten. Besonders charakteristisch ist dafür ein Brief 
Georg Beselers an Eduard Siuson vom 10. Mai 18609 (J. Heyderboff. Deutscher Liberalismus. 
im Geitalter Bismarcks, I. 443 f.). Darin beißt es: „Mir eint, daß Graf Bismarck 
in der großen Dolitik auch jetzt das Vichtige trifft, und wenn er nicht entschlossen vorgeht und. 
dadurch eine Seit scheinbaren Stillstandes. eintritt, so nenne ich das nicht Stagnation. londern. 
Reifenlassen. Allein diese Seit muß zum inneren Ausbau verbraucht werden, und da sehlen, 
die Erfolge. Dem Manne fehlen hierzu offenbar Bildung und Befähigung — und doch will 
er auch auf diesem Gebiete allein berrschen; er hat nicht die Tiefe des Seistes und Gemütes, 
daß er sich auch geboben fühlte durch die freie, ihn unterstützende Arbeit selbständiger Männer. 
Wie sebr steht er in dieser Hinlicht unter dem Greiherrn vom Stein! Und doch kann uns diese. 
Eirgeitigkeit verderblich werden. Sie paralhsiert die Cätigkeit des Reichstags und bringt, das 
Einigungswerk nicht zu einem sicheren Abschluß.“ Diese herbe Kritik gründet sich wohl in erfter 
Fo—. darauf, daß Bismarck sich am 16. April dem von den Abgeordneten Cwesten und Graf 
Müünster erneut eingebrachten Antrage auf Einführung verantwortlicher Bundesministerien 
entschieden widersetzt hatte. Beseler sah die eigentliche Ursache für die Haltung Bismarchs 
darin, dah dieser in seiner Herrschsucht nicht die erforderlichen Kräfte für eine Reformtätigkeit 
großen Stiles eberansieen und ihnen für ihren Wirkungskreis die nötige Selbständigkeit und die 
volle Chre, also auch die Verantwortlicheit gewähren wolle. In äbnlichem Sinne batte si 
auch Wiftenm Wedronpt fennig schon Anfang April zu Bernbardi (Aus dem Leben Tbeodor von 
Bernbardis, VIII, 4i8) geöußert. Bernhardi überliefert uns aber andererseits auch 
Auherungen Alax Dunckers vom 12. Mäörf, die Vismarcks cheinbare Untätigeeit in ein ganz 
anderes Licht rücken. Danach (a. a. O. VIII, 394) hätte Duncker gesagt: „In den inneren 
Angelegenbeiten gebt es gut bei uns zu, aber es ist ein chaotischer Gustand: niemand d. weih, was. 
der Kompeten; des Landtags, was der des Neichstags angehört, ein vollftändiges verantwort- 
liches Bundesministerium. ist gar nicht da, und Bismarck wird sich auch wohl büten, ein folches. 
zu bilden; denn damit wäre der gegenwärtige, prooiforische Justand als ein bleibender fixiert. 
und er soll doch nur ein Übergang zur Einheit sein. Bismarck werde ihn wohl unvollkommen 
lassen, damit die Aotwendigkeit, zur Einheit überzugeben, immer fühlbarer werde. Im gegen- 
wärtigen Suftande bilden Landtag, Teichstag und Zollparlament zusammen eine parlamentarlsche 
CTätigkeit von neun Monaten im Jahre; wer könne das aushaltenl Auch Bismarck könne es 
nur ertragen, solange er nur Unterstoatssekretäre habe, die seinen Willen tun; wenn er 
wirkliche „Ressortminister“ um sich hätte, die eigenen Willen bätten und darauf bestünden, 
würde er die Last wohl nicht bewältigen können.“ Prüft man Bismarcks eigene Vede gegen 
die Einführung verantwortlicher Vnderininerien (Die Politischen Reden des Fürsten 
Bismarckh, ed. H. Kobl, IV. 176 ff.), so erkennt man, daß sein Tun und Lassen in erster Linie 
allerdings durch die NBücksicht auf die Vollendung der deutschen Einheit bestimmt worden ist. 
Vicht ohne Grund beforgte er, daß die Einführung von Bundesministerien in Sügdeutschland 
als Unifisierung ausgelegt werden und so nur die Maingrenze vertiesen werde: „Den 
deutschen geht die unifizierende Tätigkeit des Bundes zu langsam; was man in Shddeutscheand 
als übertriebene Belchsounigung, als Naschmacherarbeit bhrtrcchteri beißt bier Stagnation.“ Aber 
in Bismarcks Rede klingt auch jene andere Saite, die Schwierig wite zusammen mit gleich- 
berechtigten Kollegen die Dinge von der Stelle zu rücken, an. Eine Syliphusarbeit war ihm 
aufgeladen, es galt, den Gegensatz zwischen Nord und Süd zu vermüteln, SSüddeutschland nicht. 
aus den Augen zu verlieren, den Gang Norddeutschlands zu beschleunigen, dabei aber Fühlung 
zu bebalten mit jsämtlichen Bundesfürsten, mit dem Bundesrat, mit dem Bundespräsidium 
und vor allem mit „diesem Reichstage". Und diese falt übermenschliche Arbeit besorgte Bismarch 
durch ein Kollegium selbständiger und veraontwortlich er Bundesminister voch- rrchwert. zu 
leben. Es trat in dieler Stunde (ogl. auch Ar. 1440. Vorbem.) ihm lebhaft vor Augen, wie 
10 Der Schluh der Weisung von den Worten an: „ulnd] keinen Sweifel darüber . .“ eigenhöndiger 
Jusat Bismarchs.