Osterreichs Haltung in der belgischen Srage. 93
möglichst an Frankreich annähernden Standpunkt bewahren wolle, und daß überhaupt die
ch immer mehr darin kennzeichne, unter den gegen-
wärtigen Konjunkturen in der französischen Regierung den besten Sreun Olterreiche zu suchen
Abeindorf, Der belgisch-franzölsische Sisenbahnkonflikt,
Seheim. Berlin, den 7. Juni 1869.
Die eigentümliche Haltung, welche das österreichische Kabinett in der belgischen noch
keineswegs als definitiv gelöst anzusehenden Grage eingenommen und neuerdings wieder durch
den Ew. pp. bekannten Schritt in London bekundet bat, zeigt, weil sie nur aus dem Bestreben,
sich Srankreich gefällig zu erweisen, hervorgeben kann, wie wenig die französischen Pläne be-
güglich Belgiens aufgegeben sind. Dies und manche andere Sumptome legen eine Betrachtung
nahe, auf welche ich nicht länger umhin kann, Sw. pp. Aufmerkfamkeit zu lenken.
Unter der Voraussetzung nämlich, daß mon sich in Grankreich zum Kriege vollständig
geri#tet fühle und denselben nicht länger vermeiden wolle, würde der richtige Weg, denjelben
einzuleiten für den Kaiser offenbar derjenige sein, auf irgendeinen Borwand bin, wie ihn die
weiteren Berhandlungen mit Belgien auf Grund unmöglicher Sorderungen Grankreichs leicht
darbieten würden, in Belgien einzurückkeen, das Land zu okkupieren und dann ruhig
abzuwarten, ob andere Mächte sich Belgiens annehmen und wegen dieser Verletzung der Ver-
träge Srankreich angreifen würden. Ein golches Verfahren würde gewissermaßen die Vor-
teile der Offensive und der Defensive vereinigen. Der Kaiser würde durch ein fait acoompli
den Kampfpreis in Händen haben, der ihm erst wieder entrissen werden müßte; und er würde
zugleich den eigentlichen Angriff auf Frankreich den anderen Mächten zuschieben.
Der einzig wirksame SGegenstoß kann von Kontinentaler wie von maritimer Seite nur durch
einen solchen Angriff geführt werden; eine Invasion Srankreichs wird aber immer und unab-
bängig von der Nechtsfrage das französische Mationalgefühl gewaltsam aufregen und für den
Kaiser das beste Mittel sein, die sonst im ganzen entschieden friedliebende Mation mit Enthu-
siasmus in den Krieg bineinzuführen und selbst die ihm feindlichen Parteien verstummen zu
machen oder zu seiner Unterstützung zu zwingen. Auch würde er wohl darauf rechnen, dah die
überraschten Mächte sich befinnen würden, ob sie einem fait acoompli entgegentreten gollten,
ob das Objekt die Chance eines großen europäischen Krieges wert sei, ob sie nicht auf dem
Wege der Aegotiation eine Ausgleichung versuchen Kkönnten, so daß er sich Jagen dürfte, der
Krieg sei nicht einmal eine notwendige Golge des kühnen Schrittes, und er könne das begebrte
Objekt ohne Kampf erreichen und so erst recht das Prestige des französischen Ramens wieder-
berstellen. Diese Berechnung würde dem Kaiser nicht unähnlich sehen; sie bedarf m ihrer
Grundlage freilich des Bewußtseins vollständiger Rüftung Frankreichs und der Zrwersicht,
auch für den Krieg, wenn er daraus hervorginge, vorbereitet zu sein. Daß Frankreich sich in
mancher Beziehung jetzt den Rüstungen der übrigen Mächte überlegen glaubt, darauf deuten
manche Anzeichen bin.
Dazu kommt noch eine andere Erwägung.