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seine Kollegen im Reichstage nur insoweit gerichtet, als diese von
ihm persönlich beleidigt wurden, im Uebrigen sprach Herr Liebknecht
„zum Volke da draußen“, weil er sich dieses arme Volk dumm ge-
nug vorstellte, daß es seinen Worten und Behauptungen glauben
werde! Die Wenigen, welche darauf hineinfielen, haben 1870 er-
kannt, wie treu es Herr Liebknecht mit Deutschland meint. Aber
auch sie erhielten schon vorher einen hübschen Beweis seiner Ehr-
ichkeit.
Am 24. September 1867 nämlich hatte Herr Bebel an der
Seite des Herrn Liebknecht im Reichstage darüber bewegliche Klage
erhoben (Sten. Ber. S. 84): „daß man acht Millionen Deutsche in
der Schwebe hängen läßt, wie es mit den süddeutschen Staaten ge-
schehen ist". Am 18. Mai 1868 dagegen, als die nationale Partei
im deutschen Zollparlament den ersten schüchternen Versuch machte,
die Mainlinie zu überbrücken und die „in der Schwebe hängenden
süddeutschen Staaten“ mit den verbündeten norddeutschen in eine
gesammte deutsche Einheit zusammenzufassen, da rief Herr Liebknecht
grimmig: „Jedenfalls gehört die deutsche Frage nicht vor das Zoll-
parlament, sie wird, Gott sei Dank, wo anders gelöst werden“ —
er meinte damit (wie wir aus einer zwei Jahre später von ihm
gehaltenen Rede hören werden) auf den Barrikaden, „auf dem
Schlachtfeld“, zwischen ihm und uns. Ja, an demselben 18. Mai,
als Josef Völk sprach: „Es ist Frühling geworden in Deutschland“,
und Bismarck rief: „Der Appell an die Furcht findet in deutschen
Herzen niemals ein Echo!“ auch da besaß Herr Liebknecht immer
noch die Standhaftigkeit, von der „Abtretung (!) Luxemburgs“ zu
sprechen und zu versichern: „M. H., national gesinnt, d. h. von
dem Wunsche durchglüht, daß die ganze Nation auf freiheitlicher
Basis geeinigt wäre, das sind gerade wir, die demokratische Partei.“
Sten. Ber. des D. Zollparl. 1868, S. 261, Sp. 2.)
Das Jahr kam heran, welches ihn beim Wort nehmen und —
ihn des Wortbruchs und der Lüge überführen sollte: das Jahr 1870!