Full text: Geschichte des Kurstaates und Königreiches Sachsen. Zweiter Band: Von der Mitte des sechzehnten bis zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. (2)

436 Kurfürst Friedrich August II. 
weniger als eine unabhängige Macht; es bildete einen Factor, 
den die Politik der europäischen Mächte fast bei keiner allge- 
meinen Verwicklung außer Acht lassen durfte, und doch schien 
es mehr da bloß um eine Lücke auszufüllen, als um ein selbst- 
thätiges politisches Leben zu führen. Man darf wohl zweifeln, 
ob in diesem Verhältniß überhaupt fruchtbare Keime einer 
gesunden Entwickelung lagen; so viel ist aber gewiß, daß diese 
wenigstens der sorgsamsten, einsichtigsten und kräftigsten Pflege 
bedurft hätten, um zur Cntfaltung zu gelangen. Auf die 
Männer aber, die damals in Dresden das Nuder führten, 
hatte es vorzugsweise nur die Wirkung, daß sie sich dadurch 
über die Bedeutung und die Kräfte des von ihnen geleiteten 
Staates täuschen ließen. Hatte Sachsen auch längst schon seine 
einst hervorragende Stellung und zwar durch eigene Schuld 
eingebüßt, so zehrten sie doch noch immer wie an dem Trug- 
bild der Gegenwart so auch an den Traditionen der Vergangen- 
heit und fühlten sich namentlich voll eitler Selbstgefälligkeit dem 
preußischen Nachbar durchaus ebenbürtig. Aus diesem Traume 
wurden sie unsanft durch die beiden ersten schlesischen Kriege 
geweckt. Die Vereinigung Schlesiens mit dem Staate der 
Hohenzollern, der dadurch entschieden zur ersten Macht des 
nördlichen Deutschlands, zur protestantischen Vormacht, empor= 
stieg, warf Sachsen in eine untergeordnete Stellung zurück. 
Von preußischem Gebiete auf zwei Seiten umklammert sah es 
sich zur Abhängigkeit von seinem nördlichen Nachbar verurtheilt, 
die um so schwerer empfunden wurde, je unverträglicher sie 
mit der königlichen Würde schien. Preußen beherrschte die 
Verbindung Sachsens mit Polen, selbst die materiellen Interessen 
des Landes waren der preußischen Handelspolitik unterthan. 
Man hätte sich unter diesen Umständen in Dresden sagen 
sollen, daß, wenn Preußen überhaupt ein lebensfähiger Staat 
sei, es Sachsen entweder zum treuen Bundesgenossen haben 
oder auf die eine oder andere Art unschädlich machen müsse, 
ein feindliches oder auch nur unzuverlässiges Sachsen aber 
unter keiner Bedingung dulden dürfe. Es war vielleicht im 
zweiten schlesischen Kriege noch erlaubt an dieser Wahrheit zu
	        
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