184 Aussprache.
zu Persönlichkeiten ausbilden und einen weiten Blick haben. Aber
die Jüngeren sollen in erster Linie wandern, und zwar in schöner
Weise wandern, was vieles Herrliche bietet. Wandern sie in richtiger
Weise, so kommt alles andere, wie das Studium der völkischen Eigenarten
des deutschen Volkes usw. von selbst.
Diözesanpräses Opfer ge It, Cöln (Diözesanverband katholischer
Jünglingsvereine Cöln): Im vorigen Jahre hat Fräulein Dr.
Siemering über die freideutsche Jugendbewegung einen überaus
scharf gefaßten Satz geprägt, der, soweit ich mich entsinne, nicht auf
Widerspruch gestoßen ist. Diese Richtung kann deshalb der Zentralstelle
nur überaus dankbar sein für die Obijektivität, mit der sie heute in
den Nahmen der großzügigen Verhandlungen auch dieses Referat
aufgenommen hat. Daß die Zentralstelle von ihrem Standpunkte
noch nicht abgegangen ist, geht ziemlich klar aus den Worten von
Fräulein Dr. Siemering zu Beginn der Aussprache über diesen
Vortrag hervor. Sie lauteten dahin, daß die Zentralstelle auf dem
Standpunkte der alten Jugendpflege stehe. Ich freue mich. mich auf die
Seite des Vertreters der evangelischen Vereinigung stellen zu können,
der eben gesprochen hat. Kurz kann ich das Gesagte in den
Satze zusammenfassen, daß wir es ablehnen müssen, daß
man sagt: „Ihr bietet auf der einen Seite eine gehobene
Kinderstube, und wir auf der anderen Seite eine Herrenstube". Wir
haben keineswegs, wie eben gesagt worden ist, bisher nur Jugendpflege
getrieben; das ist eine durchaus falsche Auffassung. Die
Mlär## auf deren Grundsätzen wir unsere Vereine aufgebaut haben,
die Jesuiten, sind nicht überall im deutschen Vaterlande beliebt
— das kann man auch nicht verlangen —, aber man hat ihnen
niemals vorgeworfen, daß sie schlechte Pädagogen gewesen wären.
Und wenn Sie diese Grundsätze nachstudieven, werden Sie sehen, mit
welcher feinen psychologischen Klarheit sie die beiden Gedanken
bereits zusammenfaßten: „Jugendpflege und auch Jugendbewegung“,
das heißt mit anderen Worten: Erziehung durch andere und Selbsterziehung
innerhalb der Jugendarbeit. Wir stehen auf dem Standpunkte,
daß darin gerade die Kunst bestehen muß, beide Gedanken
zusammenzufassen.
Man hat vor dem Kriege sehr viel geklagt über manche Schäden
im deutschen Volksleben. Die Klagen waren leider nur zu berechtigt.
Ich stehe aber nicht auf dem Standpunkte, daß man unserer heutigen
Iugend alle die schweren Fehler in dem Maße zum Vorwurfe machen
kann, wie es geschehen ist. Ich stehe auf dem Standpunkte des Vertreters
der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine, der gestern gesprochen
hat, daß die Jugend nicht halb so schlimm ist, wie sie gemacht wird.
Aber das Eine dürfen wir doch sicher der Jugend als einen Fehler anrechnen,
daß sie es hat fehlen lassen an Achtung vor der Autorität. Die
Schuld liegt zum großen Teile an uns Erwachsenen selber. Müssen
wir uns da wundern, wenn die Jugend an diesem Mangel krankt! Was
soll aber erst werden, wenn wir jetzt grundsätzlich die Jugend ohne
Autorität aufwachsen lassen wollten, wie die freideutsche Jugend will?