DAS ROTE TUCH 291
Deutschen Kaisers sowohl als meines Mannes. Ich hoffe, Sie verhindern es.
Sie werden vielleicht sagen, warum diesen langen Brief gerade heute. Aber
ich fürchtete, bei dem englischen Diner heute abend könnte der Kaiser sich
hinreißen lassen, Versprechen abzugeben, die nachher sehr schwer zu
redressieren sind. Falls Sie den Kaiser diesen Vormittag noch sehen sollten,
würde vielleicht doch noch ein beruhigendes Wort von Ihnen etwas lang-
samere Drehungen der Maschine hervorrufen. Natürlich ist dies ohne Wissen
des Kaisers geschrieben. Es sieht hinterrücks aus, aber wo so viel auf dem
Spiel steht und Sie solchen günstigen Einfluß haben, werden Sie verstehen,
wie ich es meine. Ich gebe zu, daß ich gestern leider etwas heftig wurde,
daher möchte ich nicht gleich heute wieder von der Sache anfangen. Also,
bitte, lassen Sie mich ganz aus dem Spiel. Verzeihen Sie die Länge des
Briefes. Ich hätte Sie ja lieber gesprochen, aber das würde noch mehr auf-
fallen.“
Auch in dieser intimen Äußerung der Kaiserin kommt der vorsich-
tige und verständige Sinn zum Ausdruck, den die hohe Frau mit dem
gütigsten Herzen verband. Leider war ihr Geist dialektisch nicht hinreichend
geschult, um sich gegenüber dem stürmischen Gatten in der Diskussion
behaupten zu können. Im vorliegenden Fall gelang es mir leicht, die Kai-
serin zu beruhigen, die dann auch dem englischen Gast mit ihrer gewohnten
Güte und Freundlichkeit entgegentrat.
Weniger leicht war die deutsche öffentliche Meinung zu beruhigen, auf
die Cecil Rhodes, wie später Chamberlain, wirkte wie das rote Tuch auf den
Stier. Die gegen Cecil Rhodes gerichteten Angriffe und Persiflagen waren
wenig angebracht gegenüber einem Manne, der einer jener großen Kon-
quistadoren war, die das englische Weltreich aufbauten, dem seitdem auf
den endlosen Grasflächen Südafrikas ein gewaltiges Denkmal errichtet
wurde, eine aus Riesensteinen zusammengesetzte Pyramide zum Andenken
desjenigen, der den Süden des dunklen Weltteils für Großbritannien ge-
wann. Cecil Rhodes war übrigens für seine Person ein Freund guter Be-
ziehungen zwischen Deutschland und England. Er stiftete nach seinem Be-
such in Berlin eine größere Summe, um deutschen Studenten den Besuch
englischer Universitäten und englischen Studierenden das Studium an
deutschen Hochschulen zu erleichtern. Der Gedanke fand in beiden Län-
dern Anklang. Die deutschen Studenten in Oxford bildeten einen Anglo-
German-Club, dem auch zahlreiche Engländer beitraten. Die jungen Herren
hatten im Frühjahr 1914 die Liebenswürdigkeit, mich zum Ehrenpräsiden-
ten ihrer Vereinigung zu wählen. Ich werde seinerzeit berichten müssen, wie
der Anglo-German-Club in Oxford gerade im Begriffe stand, sein Stiftungs-
fest unter Beteiligung zahlreicher englischer Notabilitäten zu feiern,
als das Berchtold-Bethmannsche Ultimatum und unsere diplomatische
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Die deutsche
Öffentlichkeit
antibritisch