Full text: Bernhard Fürst von Bülow - Denkwürdigkeiten. Erster Band. Vom Staatsseketariat bis zur Marokko-Krise. (1)

DIE OFFENE TÜR 399 
die von beiden Mächten in China zu verfolgende Politik ein Abkommen ge- 
troffen, das in nuce folgendes festsetzte: 
l. Für die Angehörigen aller Nationen offene Tür in allen an den 
Flüssen und an der Küste Chinas gelegenen Häfen, insbesondere auch in 
denjenigen Teilen des chinesischen Gebiets, wo England und Deutschland 
einen Einfluß ausüben könnten. 
2. Aufrechterhaltung des unverminderten Territorialbestands des 
chinesischen Reichs. 
3. Sollte eine andere Macht die chinesische Komplikation benutzen, 
um unter irgendeiner Form territoriale Vorteile zu erlangen, so behalten 
Deutschland und England sich vor, sich untereinander über etwaige Schritte 
zur Sicherung ihrer eigenen Interessen in China zu verständigen; sie wollen 
ihrerseits die gegenwärtige Verwicklung aber nicht benutzen, um für sich 
territoriale Vorteile auf chinesischem Gebiet zu erlangen. 
Dieser Vertrag sollte allen in China interessierten Mächten, also Frank- 
reich, Italien, Japan, Österreich-Ungarn, Rußland und den Vereinigten 
Staaten von Amerika, mit der Aufforderung mitgeteilt werden, den darin 
niedergelegten Grundsätzen beizutreten. Die nächste Folge dieses Vertrages 
war, daß in England die ministeriellen Blätter meine Ernennung zum 
Reichskanzler mit Beifall begrüßten. Dagegen griffen mich die russischen 
Blätter wegen des deutsch-englischen China-Vertrages scharf an. Die 
„Nowosti“ erklärten, daß ich den Verstand verloren hätte, die „Nowoje 
Wremja“ drohte mit einem Gegenvertrage zwischen Rußland, Frankreich, 
Amerika und Japan. 
Bei meiner an diese Vorgänge anknüpfenden Betrachtung der inter- 
nationalen Lage wandte ich naturgemäß meine Blicke zunächst unserem 
österreichisch-ungarischen Bundesgenossen zu. Über seine innere Schwäche 
und fortschreitende Zersetzung durch die Hybris der Magyaren, die Arro- 
ganz der Polen, die durch den österreichischen Hochadel genährte Über- 
hebung der Tschechen war ich mir nie im Zweifel gewesen. Die Zertrümme- 
rung der Doppelmonarchie durften wir nicht zulassen, denn dann standen 
wir, nachdem Caprivi und Marschall leider den Draht mit Rußland zer- 
schnitten hatten, allein auf weiter Flur, und bei einem kontinentalen Krieg 
konnte uns England zu Lande nicht viel helfen. Wenn wir aber die habs- 
burgische Monarchie weder vernichten noch durch ungeschickte Behand- 
lung in das gegnerische Lager treiben durften, so war andererseits eine der 
vornehmsten Pflichten unserer Politik, Österreich zu führen, nicht aber uns 
von Österreich in einen unheilbaren Gegensatz zu Rußland drängen oder 
gar in einen Krieg mit Rußland verwickeln zu lassen. Die habsburgische 
Monarchie glich einem alten, halb ruinierten Kavalier, der allmählich in die 
Stimmung geraten ist, mit Galgenhumor alles auf eine Karte zu setzen. 
Österreich- 
Ungarn
	        
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