Schloß Tatoi
Griechenland
und der Kries
426 DIE BANKROTTEN HELLENEN
Tatoi. Die Sommerresidenz der griechischen Majestäten lag auf der Stätte,
wo sich einst der attische Demos Dekeleia erhoben hatte, den 413 v. Chr.
die Peloponnesier auf den perfiden Rat des aus Athen verbannten und
deshalb seiner Vaterstadt gram gewordenen Alkibiades besetzt hatten. Der
letzte Abschnitt des Peloponnesischen Krieges wird deshalb der Dekeleische
Krieg genannt. Jetzt vertrieben wir uns auf diesem historischen Fleck Erde
die Zeit mit harmlosen Gesellschaftsspielen. Als einmal die Königin Olga,
die, als Nichte der Königin Marie von Hannover und von dieser erzogen,
nicht gerade preußenfreundlich gesinnt war, gefragt wurde, ob und wie sie
Kaiser Wilhelın liebe, meinte sie mit Takt: „‚Ich liebe ihn als meinen Groß-
onkel.‘“ Der witzige russische Gesandtschaftsrat Jadowski, gefragt, wodurch
sich der Fürst Nikolaus von Montenegro von dem Fürsten Milan von Serbien
unterscheide, antwortete schlagfertig: „L’un est un aigle, l’autre un milan
(eine Weihe).
Als sich 1877 das Christfest näherte, lud mich der König ein, den deut-
schen Weihnachtsabend, der bekanntlich vor den griechischen fällt, bei ihm
zu verleben. Ich verbrachte den Abend allein mit ihm und der Königin.
Er sprach mir mit Freimut von seiner schwierigen Lage. Es sei eine der
manchen üblen Eigenschaften der Griechen, ihren Souverän für alles ver-
antwortlich zu machen. Sollte es zum Kriege kommen, so würden ihm seine
Untertanen Opfer und Verluste eines solchen zur Last legen. Wenn aber
Griechenland neutral bliebe und infolgedessen leer ausginge, würde man
erst recht unzufrieden mit ihm sein.
Von wirklicher Kriegsbegeisterung war in Griechenland im ganzen Jahre
1877 nicht die Rede gewesen. Die im Dezember 1876 von der Kammer be-
schlossene und im Januar 1877 zur Subskription aufgelegte Anleihe von
zehn Millionen Drachmen für Kriegsrüstungen konnte nur allmählich und
auch so nur zum Teil untergebracht werden. „Die Hellenen sind ein großes,
ein sehr großes Volk, heute wie in alten Tagen“, sagte mir ein leitender
griechischer Politiker, Herr Deligeorges, „aber leider sind wir bankrott.“
Auf ein im März gebildetes Ministerium Deligeorges folgte im Mai ein
zweites Kabinett Kommunduros, auf dieses abermals, von den früheren
Ministerpräsidenten Zaimis und Trikupis unterstützt, Herr Deligeorges.
Das Ganze erinnerte mich, der ich als Unbeteiligter lächelnd zuschaute, an
die Spiele meiner Kindheit: „Kämmerchen vermieten“ und „Verwechselt,
verwechselt das Bäumelein.““ Jetzt lächele ich nicht mehr, sondern denke
mit Schmerz daran, daß es unter der Republik in Deutschland, besonders
zu Anfang, nicht viel besser zuging als ein halbes Jahrhundert früher in
Griechenland. Nicht besser, sondern schlimmer. Denn im Juni 1877 gelang
in Athen vorübergehend die Bildung einer aus den Häuptern aller Parteien
(Kommunduros, Deligeorges, Zaimis, Trikupis) bestehenden Regierung.