Skobelews
Tod
Bülows
Antritt
als Geschäfts-
träger
564 DER HELD VON PLEWNA
Das Ende von Gortschakow erinnerte an den ein Jahr vorher erfolgten
Tod des Generals Michail Dimitrijewitsch Skobelew. Der Besieger der Teke-
Turkmenen, der Eroberer von Chiwa und Kokan, der Held von Geoktepe,
Lowatz und Plewna starb in einem Moskauer Bordell. Sinnlos betrunken,
hatte er sich in einer masochistischen Anwandlung an einen Türpfosten
anbinden lassen und den Bewohnerinnen des Hauses befohlen, ihn, unbe-
kümmert um sein etwaiges Protestieren und Schreien, bis aufs Blut zu
peitschen. Als die Dirnen, des Flagellierens müde, die Geißelung einstellten,
hatte ein Herzschlag dem Leben des noch nicht vierzigjährigen Generals
ein Ende gemacht. Der Leiter der „Moskauer Zeitung‘, Michail Nikoforo-
witsch Katkow, der Hauptvertreter einesreaktionären, absolutistischen und
streng nationalen Systems, wurde gerufen und sorgte für die unauffällige
Überführung der Leiche des seit Suwarow populärsten russischen Generals
in die auf der Höhe des Kremils gelegene Erlöserkirche, deren goldene Gitter
und deren Gold- und Silbergefäße in ganz Rußland berühmt waren. Auch
wer von Prüderie und Pharisäertum frei war, mußte sich gegenüber dem
Ausgang des alten Gortschakow und des jungen Skobelew, des Staats-
mannes und des Feldherrn, sagen, daß die elegante, ja raffinierte und glän-
zende Außenseite des vornehmen Russentums viel Roheit und sehr viel
Fäulnis zudeckte. Die sofort in französischen Zeitungen auftauchende Be-
hauptung, daß Skobelew das Opfer einer finsteren deutschen Intrige gewor-
den sei, war natürlich eine sinnlose Erfindung, die dem elendesten Hinter-
treppenroman zur Unehre gereicht hätte. Der Tod von Skobelew wurde bei
uns keineswegs freudig begrüßt. Es gab in der russischen Armee ebenso gute,
ja bessere Generäle als ihn. Wohl aber dürfte der russische Hof nach dem
Hinscheiden Skobelews erleichtert aufgeatmet haben. Es wurde behauptet,
daß Skobelew nicht übel Lust gehabt habe, die Rolle des russischen Bona-
parte zu spielen. Zu einer hübschen französischen Gouvernante, der er den
Hof machte, hatte er gesagt: „Vous serez ma Josephine.“
Ich war gerade noch rechtzeitig in St. Petersburg eingetroffen, um vom
Botschafter von Schweinitz, der am nächsten Tage nach Deutschland
abreiste, die Geschäfte zu übernehmen. Als ich ihn aufsuchte, traf ich bei
ihm den Reichssekretär Polowzow. Dieser hohe Beamte war ein echt
russischer Typus. Ein neuer Beweis für die Richtigkeit der bekannten
Äußerung des Marquis Adolphe Custine, des Freundes von Rahel und Varn-
hagen, der in seinem Buch über Rußland schon vor achtzig Jahren der
Meinung Ausdruck gab, que la facilite de faire sa carriere preservait la
Russie des Tsars d’une revolution generale. Polowzow stammte aus beschei-
denen Verhältnissen und hatte das wenige Geld, das er besaß, als kleiner
Tschinownik verspielt. Der Russe liebt leidenschaftlich das Kartenspiel. So
gut wie ruiniert, nahm Polowzow seine letzten Rubel in die Hand, kleidete