Full text: Bernhard Fürst von Bülow - Denkwürdigkeiten. Vierter Band. Jugend- und Diplomatenjahre. (4)

Die Vor- 
geschichte 
636 HYBRIS 
Über die Verabschiedung des Fürsten Bismarck durch Wilhelm II. sind 
seitdem mehr Bücher geschrieben worden, als, um mit dem persischen 
Dichter Firdusi zu sprechen, ein Kamel durch die Wüste tragen könnte. 
Leider gilt für die meisten dieser Werke, was auch für nicht wenige poli- 
tische Betrachtungen der Nachkriegszeit gilt, daß sie, ohne wirkliche Kennt- 
nis der Vorgänge und der handelnden Personen geschrieben, um den Kern 
herumreden und den wirklichen Sachverhalt mehr verdunkeln als erhellen. 
Sie erfüllen nicht die Forderung des genialen Ferdinand Lassalle, zu sagen, 
was ist, was wirklich war. Ich war in jenen ereignisschweren Tagen nicht 
in Berlin, habe mir aber aus dem, was ich von dort hörte und was mir später 
einerseits Herbert und die Intimen, andererseits die Gegner des Bismarck- 
schen Hauses erzählten, ein genaues Bild der Vorgänge machen können. 
Die Trennung zwischen Kaiser und Kanzler ging vom Kaiser aus. Der 
Fürst wäre gern geblieben, nicht nur weil er, seit achtundzwanzig Jahren an 
die Macht gewöhnt, sie liebte, sondern auch aus Patriotismus, da er im 
Gegensatz zum Kaiser voraussah, was seine Entfernung aus dem Amt für 
das in erster Linie von ihm geschaffene Reich bedeutete. Es war der Kaiser, 
der den Bruch herbeiführte, weil er dessen Tragweite nicht ermaß, ja in den 
ersten Jahren nach dem Bruch überhaupt nicht begriff. Als der junge Lord 
von Edenhall wieder und wieder mit dem hohen kristallenen Trinkglas an- 
stieß, sah er die Folgen seines Übermutes auch nicht voraus. Ich glaube, 
daß Wilhelm II. zehn, ja fünf Jahre später den Fürsten Bismarck nicht in 
so unbesonnener Weise fortgeschickt haben würde. Es fehlte dem kaum 
dreißigjährigen Monarchen noch an jeder Erfahrung, an aller Reife, auch 
an Ernst. Er brach mit Bismarck aus Unerfahrenheit und sich daraus er- 
gebender Kurzsichtigkeit, aber auch mit einer mystischen Überschätzung 
seines Herrscheramtes, von der er damals erfüllt war und von der er sich nie 
ganz befreit hat. Ein altes deutsches Sprichwort sagt, wem Gott ein 
Amt gibt, dem gebe er auch Verstand. Damit hat sich mancher Kanzlist, 
mancher Assessor und Regierungsrat, sogar mancher Minister getröstet. 
Damit trösten sich, seit wir in der Republik leben, ungezählte neue 
Würdenträger. Der Kaiser aber hatte sich durch eine Art von Auto- 
suggestion innerlich mit der Vorstellung erfüllt, daß ihn, wie Bismarck sich 
einınal ausdrüekte, ein besonderer Draht mit dem Himmel verbinde und 
daß erim Vertrauen auf solchen Schutz von Oben sich von den Geboten der 
Vernunft hier und da emanzipieren dürfe. Also Hybris, vereint mit un- 
gesundem Mystizismus, und das in einem Lebensalter, wo noch nicht bittere 
Erfahrungen Wilhelm II. wenn auch nicht weise, so doch vorsichtiger ge- 
macht hatten. 
Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß der Kaiser sich wegen der Arbeiter- 
schutzgesetzgebung und in Verbindung damit wegen der Sozialen Frage und
	        
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