Full text : Das Deutsche Reich zur Zeit Bismarcks.

Luxemburg.  Freunde  und  Bündnisse.  Jialien.  195

schaden  seines  Vaterlandes  erkannt  hatte,  war  infolge  der  glänzenden  deutschen  Siege
gegen  Frankreich  fast  ohne  Schwertstreich  gelungen.  Was  ruchbar  wurde  von  den
Plänen,  welche  Italien  verfolgt  hätte,  salls  der  Lauf  der  Kriegsereignisse  ein  anderer
gewesen  wäre,  das  war  im  Gedächtnis  des  großmütigen  deutschen  Siegers  ausgelöscht.
Standen  doch  beide  Völker  nun  am  Ziele  ihrer  gleichartigen  opferreichen  und  mühevollen
  Einheitsbestrebungen.  Hatten  beide  doch,  an  diesem  Ziele  angelangt,  dieselben
Feinde  noch  zu  bekämpfen:  das  römische  Papsttum  und  das  revanchelustige  Frankreich.
  Das  stolze  Wort  des  modernen  Vorkämpfers  und  ersten  Ministers  Italiens,
Camillo  Cavour:  „Italia  farà  da  se“  (Italien  wird  allein  fertig  werden),  hatte  längst
der  kühlen  Einsicht  Platz  gemacht,  daß  ohne  Anlehnung  an  starke,  gleichstrebende
Mächte  die  italienische  Einheit  weder  zu  erringen  noch  zu  behaupten  fei.  Aber  auch
Camillo  Cavourr  selbst  hatte  die  italienisch-deutsche  Verbrüderung  schon  prophetisch  geahm
  und  wiederholt  gerufen:  „Unser  Bündnis  mit  Preußen  steht  in  den  Sternen
geschrieben.“  Und  als  im  September  1860  der  preußische  Gesandte  in  Turin,  Brassier
de  St.  Simon,  dem  Grafen  Cavour  eine  höchst  gereizte  Depesche  des  preußischen
Ministers  des  Auswärtigen,  Grafen  von  Schleinitz,  vorlas,  welche  den  Einsall  der
italienischen  Truppen  in  Umbrien  und  die  ganze  Politik  Cavours  aufs  schärfste  tadelte,
und  dem  Grafen  Cavour  diese  Depesche  auf  Verlangen  auch  noch  in  Abschrift  hinterlassen
  wollte,  da  antwortete  Cavour:  „Osffenbar  kann  ich  keine  sehr  brennende
Sehnsucht  danach  empfinden,  diese  Depesche  in  Abschrift  zu  besitzen.  Allein  in  jeder
Weise  ist  es  ein  Trost  für  mich,  zu  denken,  daß  ich  hierbei  (in  Umbrien)  ein  Beispiel
gegeben  habe,  welches  wahrscheinlich  binnen  einiger  Zeit  Preußen  mit  Freuden
nachahmen  wird.“  Im  Bunde  mit  dem  durch  die  Alpen  getrennten  Deutschland  war
Jtaliens  Einheit  errungen  worden.  Nach  Deutschland  richteten  die  italienischen  Staatsmänner,
  das  Herrscherhaus,  das  Volk  nun  wieder  den  Blick.  Der  starke  Freund  sollte
nun  auch  zum  Bunde  für  die  Erhaltung  des  Erreichten  gewonnen  werden.  Wie  Frühlingsdrang,
  wie  ein  Jubel  der  Auferstehung  regte  sich's  jetzt  in  den  beiden  Völkern,  die
sich  jahrhundertelang,  seit  den  Nömerzügen  der  deutschen  Weltkaiser  bis  zu  den  Weltherrschaftskriegen
  Karls  V.,  erbarmungslos  zerfleischt  hatten.

Die  Seele  dieser  Völkerverbrüderung  aber  und  zugleich  ihr  kühl  rechnender  Vorstand,
  ihre  werlthätige  Hand  war  Fürst  Bismarck.  Bei  der  inneren  Parteizerklüstung
Italiens,  bei  der  Erwägung,  daß  Norditalien  (mit  Ausnahme  Piemonts,  des  Stammsitzes
  der  Dynastie)  vielsach  noch  lebhafte  französische  Neigungen  hegte  und  in  Süditalien
  vielfach  päpstlicher  Einsluß  sich  geltend  machte,  mochte  der  deutsche  Neichskanzler
die  Zeit  noch  nicht  für  gekommen  erachten,  dem  gemeinsamen  nationalen  Erhaltungsbedürfnis
  beider  Völker  durch  schriftliche  Bündnisverträge  Gewähr  und  Genüge  zu
leisten.  Aber  er  wußte,  daß  dem  Jtaliener  auch  ein  öffentlicher  Handdruck,  eine  Umarmung,
  ein  Kuß  der  beiden  Könige  vor  den  Augen  des  jubelnden  Volkes  soviel  oder
noch  mehr  bedeute  als  ein  schristlicher  Bündnisvertrag.  Und  er  ließ  sich  daran  genügen.

Schon  im  Februar  1872  begab  sich  Prinz  Friedrich  Karl,  der  ruhmreiche  Sieger
von  Metz,  zum  Besuche  des  Königs  Viktor  Emannel  nach  Nom  und  fand  dort  begeisterte
  Aufnahme  bei  allem  Volke.  In  den  Tagen  vom  28.  Mai  bis  6.  Juni  des-137