Volltext : Im alten Reichstag. Band I. (1)

Session  1875/76.  131

im  Herrenhause  beiläufig  den  Ankauf  der  Eisenbahnen  durch  das
Reich.  Graf  Udo  zu  Stolberg  hat  auch  sonst  in  dieser  Zeit  und  ebenso
späterhin  besonderes  Geschick  bekundet,  die  noch  im  Verborgenen  befindlichen
  Pläne  des  Reichskanzlers  vorauszuahnen.  Die  langjährigen
engen  Beziehungen  zwischen  dem  Fürsten  Bismarck  und  dem  Grafen
Udo  zu  Stolberg  machen  es  mir  indes  wahrscheinlicher,  daß  Graf
Udo  zu  Stolberg  diesen  Gedanken  von  dem  Fürsteu  Bismarck  empfangen
  hat,  als  daß  das  Umgekehrte  der  Fall  gewesen  ist.

Schon  am  11.  September  1875  beauftragte  Fürst  Bismarck,
wie  wir  erst  durch  Poschinger  erfahren  haben,  den  damaligen
Präsidenten  des  Reichseisenbahnamtes.  Maybach,  zu  erwägen
  und  zu  erörtern  den  Erwerb  der  deutschen  Eisenbahnen
erklusive  Bayern  für  das  Reich.

Am  24.  November  1875  empfahlen  im  Reichstage  gelegentlich
die  Abgg.  v.  Stumm  und  v.  Kardorff  den  Ankauf  der  Eisenbahnen
durch  das  Reich.  Auch  diese  Herren  haben  in  jener  Zeit  und
späterhin  wiederholt  ihre  Fähigkeit  bewiesen,  vorauszuahnen,  was  den
Absichten  des  Fürsten  Bismarck  entsprach.  Die  damalige  Empfehlung
  des  Frhrn.  v.  Stumm  aber  ging  ebenso  spurlos  an  der
Offentlichkeit  vorüber,  wie  die  frühere  Anpreisung  des  Projekts
seitens  des  Grafen  ndo  zu  Stolberg  im  Herrenhause.

Dies  änderte  sich  von  dem  Augenblicke  an,  wo  Fürst  Bismarck
  persönlich  für  das  Reichseisenbahnprojekt  auftrat.  Solches
geschah  nicht  zuerst  im  Reichstage,  sondern,  wie  es  von  jener  Zeit
ab  in  Bezug  auf  neue  große  Projekte  der  Gesetzgebung  üblich  wurde,
in  einer  parlamentarischen  Soiree  beim  Reichskanzler  am  11.  Dezember
  1875.

Erst  nach  11  Uhr,  so  erzählt  Poschinger,  kam  Fürft  Bismarck
zunächst  auf  die  Einrichtung  neuer  Reichsämter  durch  Zerlegung
des  Reichskanzleramts  zu  sprechen,  um  darnach  erst  die  Eisenbahnfrage
  zu  erörtern.  Der  Kanzler  bekannte  sich  als  eifrigen  Anhänger
des  Planes,  sämtliche  deutsche  Eisenbahnen  nach  und  nach  für  das
Reich  anzukaufen,  um  ebenso  auf  diesem  Gebiete  wie  auf  dem  Gebiete
  der  Post  die  Verkehrseinheit  herzustellen.  Der  Kaiser,  so
führte  Fürst  Bismarck  aus,  interessiere  sich  lebhaft  für  den  Plan,
im  preußischen  Ministerium  sei  derselbe  nur  akademisch  besprochen
worden.  Keine  Stimme  habe  sich  dagegen  ausgesprochen  und  nur
der  Justizminister  habe  juristische  Bedenken  auf  Grund  des  preußischen
  Eisenbahngesetzes  dagegen  an  den  Tag  gelegt.  Die  Unterhaltung
  verlief  dann  später  in  ein  heiteres  und  freies  Gespräch
über  verschiedene  Gegenstände.

9  *