Full text: Tagebuchblätter. Zweiter Band. (2)

10 Sechzehntes Kapitel 31. Dezember 
scheint dort der Meinung zu sein, daß es sich jetzt schon um eine 
Beschießung der Stadt selbst handle. Das ist aber ein Irrtum, und 
die sonst guten Berichte des Blattes beruhen in dieser Hinsicht auf 
lückenhafter Kenntnis der Topographie von Paris. Wir haben es 
zunächst mit den Forts zu thun, die aber von der Stadt weit ent— 
fernt sind. Wollte man diese über die Forts weg beschießen, so 
wäre das ein Unternehmen ungefähr dem gleich, wenn jemand auf 
den Müggelsbergen bei Köpenick und auf den Hügeln bei Spandau 
Forts von der Größe und Stärke Spandaus vor sich hätte und 
über diese Befestigungen hinweg Berlin bombardieren wollte. Wir 
nehmen erst die Forts, dann folgt die Beschießung der Stadt selbst. 
Vorher sind nur Vorstädte oder solche Teile der Stadt selbst für 
unsre Geschütze erreichbar, deren Beschießung nicht viel hilft. 
Abends in den Akten gelesen, daß der Chef an den General 
Bismarck-Bohlen zu Straßburg hat schreiben lassen, er teile nicht 
seine Ansicht, nach der seine Hauptaufgabe darin bestehe, das Elend 
des Krieges zu mildern und die Elsässer ihrem künftigen Landes- 
herrn zuzuführen. Für die Gegenwart müsse als erste Aufgabe 
gelten Förderung des Kriegszweckes, Sicherung der Truppen. Der 
General solle daher alle französischen Beamten, die sich uns nicht 
anschließen, darunter die Richter, die nicht fungieren wollen, aus- 
weisen und den Pensionären ihre Gelder nicht auszahlen, mit dem 
Bedeuten, sie möchten sich an die Regierung in Tours wenden. 
In solcher Lage würde man mehr nach Frieden verlangen. 
Nach halb elf Uhr, wo ich meine letzten Einträge ins Tage- 
buch mache, wird etwa eine halbe Stunde lang wieder ziemlich 
fleißig vom Mont Valérien oder den Kanonenbooten gedonnert. 
Sonnabend, den 31. Dezember. Alle Welt unter uns ist 
schon kränklich gewesen. Auch ich fange an matt zu werden, und 
es wird gut sein, wenn ich die Nachtarbeit, die das Tagebuch kostet, 
abkürze oder ein paar Tage ganz unterbreche. Auch die strenge 
Kälte, gegen die der Kamin nur unvollkommen schützt, mahnt ab 
von dem bisherigen Aufbleiben bis lange nach Mitternacht. 
Gambetta und Genossen in Bordeaux treten in ihrer Eigen- 
schaft als Diktatoren immer gewaltthätiger auf. Kaum hat sich das 
Kaiserreich, dessen Willkür sie früher bekämpften, so despotisch über 
gesetzlich bestehende Einrichtungen hinweggesetzt oder sie so auto-
	        
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