Full text: Tagebuchblätter. Zweiter Band. (2)

6. Januar Sechzehntes Kapitel 15 
so zu umgrenzen sein, daß er militärisch möglichst leicht zu ver— 
teidigen wäre. Über diese Linie hinaus würden natürlich auch ferner 
Offensivstöße zu augenblicklichen Zwecken erfolgen können, aber von 
vornherein würde nicht die Absicht bestehen, sie dauernd zu über— 
schreiten. In denjenigen Gebieten, die Deutschland zur Sicherung 
seiner Grenzen bedarf, würde in der Zwischenzeit mit der Einver— 
leibung vorgegangen werden, ohne den Friedensschluß abzuwarten.“ 
Freitag, den 6. Januar. Die Kälte bis gestern sehr groß, 
ich glaube neun bis zehn Grad unter Null. Dabei meist Nebel, 
der am Mittwoch besonders dicht war. Der Chef ist fast die ganze 
Woche unwohl gewesen. Erst gestern, dann heute fuhr er des 
Nachmittags ein Weilchen aus. Hatzfeldt und Bohlen kränkeln. 
Auch bei mir beginnt die Abgespanntheit und Unlust zum Arbeiten 
erst heute zu weichen, vielleicht infolge von zwei Nächten mit reich— 
lichem Schlafe, vielleicht infolge der Besserung des Wetters; denn 
der Nebel, der sich heute morgen in Rauchfrost verwandelt hat und 
in funkelnden Krystallen an den Zweigen der Bäume sitzt, hat einem 
schönen Tage Raum gemacht und ist sogar über den Waldhügeln 
zwischen hier und Paris im Abzug begriffen. Fangen wir also ein 
neues Leben an wie unsre Kanonen, die wegen verhüllter Aussicht 
in den letzten Tagen auch wenig arbeiteten, heute aber wieder herz— 
hafter drein schießen. Vorher indes holen wir einige Tagebuch— 
notizen nach, die unterblieben sind. 
In der Zwischenzeit ist der Oberregierungsrat Wagener zur 
Mitarbeit im Büreau, desgleichen ein Baron von Holstein, der, 
glaube ich, Legationssekretär ist, hier eingetroffen. Unter den Artikeln, 
die ich in den letzten sechs Tagen abgehen ließ, war einer, der die 
Maßregel behandelte, nach der man Massen von Eisenbahnwagen 
den Zwecken und Bedürfnissen der deutschen Industrie lediglich in 
der Absicht entziehen will, um Proviant für die Zeit, wo das aus- 
gehungerte Paris sich endlich ergeben muß, herbeizuschaffen. Ich 
bezeichnete ein solches Verfahren als human, aber unpraktisch und 
unpolitisch, da die Pariser, wenn sie erfahren, daß ungrerseits für 
jene Zeit gesorgt wird, bis auf die letzte Brotrinde und Pferdekeule 
  
1 Am 5. Januar begann die Beschießung der Südfront aus 96 Geschützen 
in 17 Batterien. Vgl. auch Abeken 479 vom 5. Januar morgens; Verdy 266.
	        
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