Full text: Tagebuchblätter. Zweiter Band. (2)

418 Dreiundzwanzigstes Kapitel 11. April 1877 
steht es mit Schleinitz, der gleichfalls völlig ohne Talent und Schneide 
ist, und den sie dem Chef zum Nachfolger zu geben vorhatte.“ 
Die Gesundheit des Fürsten war nach Buchers Bericht wieder 
einmal nicht gut. Dieser hat ihm, als er gesagt hatte, wenn er ginge, 
so bliebe er auch nicht, geantwortet, er solle sich das überlegen, wenn 
er aber dennoch seinen Abschied nähme, zu ihm nach Varzin ziehen. 
In betreff meines Besuches beim Chef fürchtete er, es werde daraus 
wahrscheinlich nichts werden, da heute der Geburtstag seiner Ge— 
mahlin sei und er vielleicht schon abends abreisen werde. Indes 
wollte er mich melden, auch wenn er nicht gerufen würde. Er er— 
zählte dann noch, wie er bei der Abschlachtung Julian Schmidts 
durch Lassalle geholfen, und wie vor kurzem Lindau ein ähnliches 
Attentat auf Lessing den Zweiten verübt hätte. Dann gingen wir, 
da er ins Amt mußte, miteinander bis zur Kanalbrücke der Pots— 
damer Straße, wo er mir beim Abschied riet, von drei bis fünf und 
dann abends von neun Uhr an zu Hause zu sein. 
Um drei Uhr ging ich nach meinem Gasthofe. Schon von 
weitem sah ich, daß vor der Thür Leverström und sein schwarzes 
Pferd standen, und als ich herankam, übergab er mir eine Karte 
Buchers mit den Worten: „Der Fürst erwartet Sie um vier Uhr.“ 
Ich fuhr rasch in Frack und weiße Handschuhe und dann in eine 
Droschke, die mich nach Wilhelmstraße sechsundsiebzig brachte. 
Hinauf und durch die alten wohlbekannten Räume. Im Billard- 
saale, wo das Billard ganz mit ungeheuern Blumensträußen bedeckt 
war, mußte ich etwa fünf Minuten warten. Dann hinein zu ihm. 
Er kam mir mit freundlichster Miene ein paar Schritte entgegen, 
gab mir die Hand und freute sich, den „alten Kriegskameraden“ 
einmal wiederzusehen. Ich mußte mich dann ihm gegenüber setzen, 
wobei er mit dem Rücken nach dem ersten Fenster saß. Unfre Unter- 
redung dauerte bis fünfeinhalb Uhr, also fast anderthalb Stunden. 
Er dankte mir zunächst für den Grenzbotenartikel und sagte 
dann: „Es wäre aber gut, wenn solche Korrespondenzen sich wieder- 
holten und die Ursache der Krisis ausführlich besprochen würde."“ 
Ich erwiderte: „Deshalb hauptsächlich bin ich hergekommen, 
Material, Information zu solchen Artikeln zu holen. Je mehr ich 
bekomme, desto besser. Die Grenzboten stehen ganz und unbedingt 
zu Ew. Durchlaucht Verfügung.“
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.